Digitalisierung am Bau, 21.11.2017, Frank Kessler

Bauindustrie verpasst Potential einer digitalisierten Baustelle

Bauindustrie verpasst Potential einer digitalisierten Baustelle

Foto: Roland Riethmüller

Derzeit herrschen so positive Aussichten für die Bauindustrie wie schon lange nicht mehr. Trotzdem ist der Anpassungsdruck höher als je zuvor. Denn auf der einen Seite stagniert die Produktivität und auch viele Potenziale einer digitalisierten Baustelle bleiben ungenutzt. Auf der anderen Seite stehen der Fachkräftemangel und die immer strengeren Dokumentationspflichten. Was kann getan werden, um sich im Wettbewerb in Europa zu behaupten?

Die Ursache für die Probleme der Bauindustrie ist schnell gefunden, wenn die Produktivität der letzten 50 Jahre mit anderen Sektoren verglichen wird. In diesem Zeitraum konnten andere Bereiche eine Steigerung von über 150 Prozent aufweisen, während die Bauindustrie hingegen auf ein Minus kommt. Die Gründe hierfür sind eine träge Automatisierung der Fertigung, mangelhafte Standardisierung, keine vertikale Integration der Zulieferer und fehlende Optimierungsprogramme.

Vision zur Digitalisierung in der Bauindustrie

Auf den Baustellen von morgen dagegen herrschen Automatisierung und Digitalisierung. Eingesetzt werden selbstfahrende Baumaschinen, 3D-Drucker und teilautomatisierte Betonverteiler. Für schwer zugängliche Stellen werden zur Vermessung Drohnen und kleine Satelliten eingesetzt. Digitale Systeme werden auch bei der Vernetzung von Geräten und Bauteilen eingesetzt. Genutzt werden auch Frühwarnsysteme, um einen effizienten Tagesablauf gewährleisten zu können.

Das just-in-time Modell wird für Lieferungen in dicht bebauten Gebieten bevorzugt. Um einen lückenlosen Kommunikationsablauf zwischen Bauleiter, Kunden, Finanzierungspartner und Lieferanten bieten zu können, werden Protokolle über Building Information Modeling Plattformen (BIM) geführt. Mit dieser Form der Digitalisierung kann effektiv geplant und gebaut werden. Diese beiden Themen sollten vor allem den Einstieg der Baubranche in die Digitalisierung darstellen.

Transparenz als Erfolg für den Wandel auf der Baustelle

Ein wichtiges Thema aus Sicht der Unternehmensberatung Horváth & Partners ist daher eine stärkere vertikale Integration im strategischen Bereich. Dies dient zur Sicherung der Fachkräfte und einer höheren Wertschöpfungstiefe, erklärt Senior Project Manager Christoph Weber. Um die Investitionskosten zu senken, können Beteiligungen am Unternehmen ausgegeben werden. Außerdem müssen die Forschung intensiviert und Partnerschaften verstärkt werden.

Operativ gesehen muss eine bessere Datentransparenz in der Bauindustrie erreicht werden. Dies ist oft mit einer Veränderung der IT-Organisation verbunden. Dabei muss beachtet werden, dass es immer weniger verfügbare Fachkräfte gibt, allerdings bei steigenden Anforderungen. Um der Digitalisierung folgen zu können, müssen die Wertschöpfungsprozesse unter die Lupe genommen werden. Denn nur durch Effizienz kann ein Wandel finanziert werden.

Zurückhaltung in der Bauindustrie

Insgesamt reagiert die Bauindustrie jedoch immer noch auf das Thema Digitalisierung eher verhalten. Die Unternehmen sehen eine Notwendigkeit und kümmern sich um den einen oder anderen Punkt. Meist werden BIM oder der Einsatz neuer Technologien in die Prozesse integriert, allerdings werden Partnerschaften oder Optimierungen meist außen vor gelassen. Allerdings ist es wichtig, den ganzheitlichen Blick zu haben, um eine Neuausrichtung zu erreichen. Denn nur mit der richtigen Vision und einer konsequenten Umsetzungsplanung wird der Wechsel zur “Baustelle der Zukunft” mit Digitalisierung, Standardisierung und Automatisierung gelingen.