Bauhauptgewerbe: Verschärft ein höherer Tariflohn die Krise?

Foto: Lemnaouer / envatoelements

In der Baubranche braut sich etwas zusammen: Die IG Bau fordert eine emfindliche Lohnerhöhung für die Baufachkräfte im Bauhauptgewerbe. In einer Zeit steigender Lebenshaltungskosten und wachsender Einkommensungleichheit scheint diese Forderung mehr als gerechtfertigt. Doch was bedeutet das für die Bauwirtschaft in einer konjunkturell angespannten Lage? Bietet diese Lohnsteigerung eine dringend benötigte Erleichterung für die Arbeitnehmer oder läuft sie Gefahr, die Branche in eine noch tiefere Krise zu stürzen? 

Wenn es nach dem Willen der Gewerkschaften geht, dann sollen die 930.000 Beschäftigten des Bauhauptgewerbes künftig 500 Euro mehr Lohn pro Monat bekommen. Die Laufzeit des neuen Tarifvertrags soll ein Jahr betragen. „Ganz bewusst fordern wir einen Festbetrag, denn es ist uns wichtig, dass vor allem die Beschäftigten der unteren Lohngruppen deutlich mehr Geld im Portemonnaie haben“, erklärt Carsten Burckhardt, im Vorstand der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) zuständig für das Bauhauptgewerbe. Mit seiner ersten Forderung in der diesjährigen Tarifrunde verweist er darauf, dass sich in den letzten zwei Jahren das Leben stetig verteuert habe. Die Verbraucher müssten höhere Lebensmittelpreise, Mieten und Energiekosten verkraften. Zudem seien zwei Drittel der Beschäftigten im Bauhauptgewerbe in den unteren Lohngruppen zu finden. Er argumentiert, dass sich die Spanne zu den oberen Lohngruppen immer weiter vergrößern würde. Die hohe Lohnforderung im Tariflohn sei deshalb angemessen, auch im Hinblick auf die, die ohnehin nur wenig haben.

IG Bau rechtfertigt die Anhebung vom Tariflohn im Bauhauptgewerbe

Der Tariflohn wurde zum letzten Mal im Jahr 2021 angehoben. Zwischenzeitlich ist die Inflationsrate laut Statistischem Bundesamt in Deutschland auf 7,9 Prozent (2022) und 5,9 Prozent (2023) gestiegen, im Oktober 2022 lag der Index gar bei 10,4 Prozent. Dafür gibt es viele Ursachen. Die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine und die Lage in Nahost hätten ihren Teil dazu beigetragen. Die Forderung, den Tariflohn um 500 Euro zu erhöhen, sei deshalb gerechtfertigt. Im Übrigen sei es auch für die Arbeitgeber im eigenen Interesse, die Branche durch einen entsprechenden Tariflohn attraktiv zu halten. Im Hinblick auf den Fachkräftemangel sei die Lohnforderung daher durchaus angemessen.

Ein solcher Tariflohn wäre für eine Branche in der Rezession schon überraschend

Trotzdem warnen Experten, wie Tomasz Wieladek, Chef-Volkswirt für Europa bei T. Rowe Price, vor den Forderungen der IG Bau und den Auswirkungen auf die mögliche Zentralbankpolitik. Denn seiner Meinung nach ziele die aktuelle hohe Lohnforderung darauf ab, den Reallohnverlust auszugleichen. Diese Strategie, die das Einkommenswachstum über die Erhaltung von Arbeitsplätzen stellt, markiert eine signifikante Veränderung in der Haltung deutscher Gewerkschaften. In der Vergangenheit lagen die Abschlüsse in der Regel die Hälfte unter den Forderungen. Es könnte daher nicht ausgeschlossen werden, dass sich diese Lohnforderung negativ auf die Arbeitsplätze auswirke. Denn diese Entwicklung könnte die Europäische Zentralbank (EZB) zu einer aggressiveren Vorgehensweise zwingen, um die Inflation zu kontrollieren, und könnte eine anhaltende Lohn-Preis-Spirale und langfristig hohe Inflation zur Folge haben.

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Bei 10 Mitarbeitern sind das 5000 € pro Monat. Die SOKA bekommt zusätzlich für die 10 Mitarbeiter aus diesem Mehrlohn 1000 € pro Monat, die Krankenkassen 650 € pro Monat, zuzüglich der Arbeitgeberanteile zu den Sozialversicherungen die der Arbeitgeber nie wieder sieht. Macht einen Mehraufwand pro Jahr bei 10 Mitarbeitern und 13 Gehältern ca. 100.000 € aus. Diese geforderte Summe reichen wir an den Bauherrn weiter. Das alles muss neben den gestiegenen Bauzinsen zusätzlich der Bauherr tragen. Wie soll das gehen? Freundliche Grüße, Martin M.

Bei den stänig jammernden Lockführen, die übrigens bei ihrer Arbeit immer im Trockenen sitzen, und ganz zu schweigen von IG Metall und Elektro redet Keiner vom Maßhalten. Weil, ein Auto kauft man halt, auch wenns etwas mehr kostet.
Nur bei den Bauarbeitern, die ja sowieso nur so ’ne einfache Drecksarbeit machen, da muss immer gespart werden.
Was können die für für die hohen „Finanzierungskosten“ bei steigenden Kreditzinsen.
Von uns Bauarbeiteren werden wohl die wenigsten in den Genuss kommen, die die 4% Kreditzins für deine eigenen Wohnung zahlen zu dürfen.

PS: Wir Leute vom „Rohbau“ haben auch während der „sehr guten Konjungturzeiten“ in Punkto Lohnerhöhung oder gar Arbeitszeit nie mit den „Metallern“ mithalten können.

Grüße Jürgen Glöckle

Die Krise am Bau ist nicht durch die Politik entstanden, sondern durch Preiswucher bei den Baustoffpreisen, damit steigenden Angebotspreisen der Baubetriebe / GU’s und erst zuletzt durch gestiegene Bauzinsen. Hinzu kommen massiv steigende Baulandpreise und höhere Kosten durch Bürokratie und neue Technologien – BIM zum Beispiel. Zusätzlicher technischer Aufwand, Schulungen, Grenzen bei Partnern, die nicht auf BIM setzen erschweren es kleinen Betrieben, auf BIM zu setzen. Die Profiteure sind große Betriebe, die mit Technologie den Markt verändern und das ursprüngliche Handwerk verdrängen. Bautischler zum Beispiel sind heute doch meist nur noch Monteure.
Auf der einen Seite können neue Handwerker und Bauarbeiter nur mit guten Arbeitsbedingungen und angemessenen Löhnen in den Beruf finden. – Berufe sollten dabei wieder Berufung sein – nicht einfach nur ein Job. – Andererseits muss es auch die Wertschätzung des Kunden für die erbrachte Leistung geben. Diese ist in Jahren von Lohndumping (Insbesondere 1990 bis etwa 2017) verloren gegangen. Durch zu niedrige Preise im Wettbewerb und durch zu niedrige Zinsen in der Vergangenheit hat die Bauherrschaft vielfach das Maß verloren. Die Wucht der Veränderung kam jetzt einfach zu schnell. In der jetzigen Konjunkturlage sind Mehrkosten von 100.000 € p.a. für ein Unternehmen mit 10 Mitarbeitern (siehe Kommentar Martin Mitschein) kaum zu stemmen. Es besteht die Gefahr, dass Unternehmen schließen, Mitarbeiter freisetzen – die sich dann Aufgrund der Konjunktur umorientieren. Das führt zu einer doppelten Verschärfung des Fachkräftemangels. denn die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit führ dazu, dass noch weniger Auszubildende am Bau zu finden sein werden …
Ich kann nur hoffen, dass sinnvolle Lösungen gefunden werden, die Maß halten und trotzdem akzeptable Ergebnisse für die Bauleute bringen.

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