Das Handwerk in Baden-Württemberg steht vor einem gravierenden Nachfolgeproblem: Jeder zweite Betriebsinhaber ist über 50, viele Meisterbetriebe drohen mangels Nachfolger zu verschwinden. Das gefährdet nicht nur Ausbildungsplätze und lokale Wirtschaftskraft, sondern auch das gesellschaftliche Gefüge. Besonders kritisch ist die Lage in zulassungspflichtigen Gewerken. Die alarmierende Entwicklung zeigt, wie dringend Lösungen für die Betriebsnachfolge im Handwerk gebraucht werden.
Die Altersstruktur im baden-württembergischen Handwerk gerät zunehmend aus dem Lot. Laut einer aktuellen Auswertung von Handwerk BW ist inzwischen jeder zweite Betriebsinhaber älter als 50 Jahre, gut jeder dritte sogar über 55. Besonders groß ist der Anteil in der Altersgruppe zwischen 56 und 60 Jahren. Hochgerechnet stehen damit in den kommenden zehn Jahren rund 50.000 Betriebe vor der Frage der Nachfolge oder drohen, vom Markt zu verschwinden. „Wenn es uns nicht gelingt, Nachfolgen zu sichern und Gründungen zu fördern, droht dem Südwesten beim Handwerk ein Substanzverlust mit Ansage“, warnt Rainer Reichhold, Präsident von Handwerk BW.
Mangelnde Nachfolgen: Es fehlen vor allem Meisterbetriebe
Die Situation in Baden-Württemberg ist kein Einzelfall. Zwar ist die aktuelle Untersuchung nicht repräsentativ für ganz Deutschland, doch ähnliche Entwicklungen lassen sich auch in anderen Regionen beobachten. Unter der stabilen Oberfläche des Handwerks zeigt sich damit ein strukturelles Problem: Während in den zulassungsfreien Berufen, etwa in der Gebäudereinigung oder Fotografie, viele junge Gründerinnen und Gründer nachrücken, fehlen diese gerade dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden – nämlich in den zulassungspflichtigen Meisterbetrieben. Besonders deutlich wird das Ungleichgewicht beim Blick auf den steigenden Anteil der über 60-jährigen Betriebsinhaber. „Meisterbetriebe sind nicht nur Ausbildungsstätten, sondern wirtschaftliche Ankerpunkte in Stadt und Land – wenn sie wegfallen, hinterlässt das Lücken, die keiner schnell schließen kann“, so Reichhold weiter. Oft scheitere die Betriebsübergabe nicht an der wirtschaftlichen Lage, sondern schlicht daran, dass niemand übernehmen will oder kann.
Handwerk warnt vor langfristigen Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft
Die drohende Lücke bei Betriebsnachfolgen sieht Handwerk BW nicht nur als wirtschaftliches, sondern auch als gesellschaftliches Problem. „Wir sprechen hier von Betrieben, die oft über Jahrzehnte aufgebaut wurden und wirtschaftlich gesund dastehen – aber trotzdem in absehbarer Zeit schließen müssen„, betont Reichhold. „Das können und dürfen wir uns nicht leisten.“ Vor diesem Hintergrund fordert der Verband ein umfangreiches Maßnahmenpaket, das neben einer höheren Meisterprämie und einer verlängerten Antragsfrist für die Gründungsprämie vor allem auch eine bessere Berufsorientierung vorsieht. Junge Menschen müssten frühzeitig für das Unternehmertum im Handwerk begeistert werden.
Zulassungsfreie Berufe allein können den Bedarf nicht decken
Besonders viele junge Betriebsinhaber finden sich laut Analyse im zulassungsfreien Handwerk. Ob diese oft niedrigschwelligen Neugründungen langfristig die gewachsene Struktur der Meisterbetriebe ersetzen können, bleibt offen. Reichhold warnt eindringlich: „Wenn quer durchs Land Betriebe wegbrechen, zerstört das nachhaltig nicht nur die Versorgung der Menschen mit Produkten und Dienstleistungen, sondern auch ein gesellschaftliches Gefüge, in dem das Handwerk mit seinen Steuergeldern, seinem Engagement als Ausbilder, Förderer der Vereinskultur und des Ehrenamts zum Kitt gehört.“
| In eigener Sache In unserer neuen Rubrik zum Thema Nachfolge gibt Betriebsberater Florian Lerch regelmäßig praxisnahe Tipps und Tricks rund um Betriebsübergabe und -übernahme. |


















Ich würde gerne Betriebe unterstützen, zumindest temporär bis ein Nachfolger gefunden wurde. In solchen Fällen, darf die Bürokratie aber nicht noch zusätzliche Steine in den Weg werfen, hier muss nachgearbeitet werden. Das gilt insbesondere für zulassungspflichtigen Gewerke. Warum darf ein Ingenieur, der ganze Unternehmensnetzwerke mit vielen Werken und hunderten von Mitarbeitern geführt hat, keinen Meisterbetrieb führen. Die Fachkräfte sind im Unternehmen doch vorhanden. In der Industrie gibt man die Verantwortung an den Shopfloor ab, das Handwerk hat das noch nicht geschafft. Wenn das nicht gelingt, wird das Handwerk aussterben.
Da ist einer von uns beiden fehlinformiert. Ich habe selbst als gelernter Tischler und Bau-Ing. jahrelang einen Holz-und Trockenbaubetrieb mit HWK-Rolleneintrag geführt.