Preissteigerungen am Bau - Stoffpreisgleitklauseln als Lösung?

News | Frank Kessler | 06.05.2021
Preissteigerungen am Bau - Stoffpreisgleitklauseln als Lösung?
Foto: Roland Riethmüller

Lieferengpässe und deutliche Preissteigerungen beim Baumaterial sorgen aktuell in der Bauwirtschaft für teilweise existenzbedrohende Probleme. Darauf weisen immer mehr Bauverbände und Handwerksorganisationen hin. Mittlerweile ist kaum noch ein Gewerk verschont. Um Baustopps zu verhindern und die Energiewende aufgrund zurückgehaltener Investitionen nicht zu bedrohen, werden Forderungen nach gemeinsamen Lösungen laut. Dabei wird auch für eine höhere Akzeptanz der Stoffpreisgleitklauseln in Bauverträgen geworben.

Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) registrierte bei Stahlprodukten und Bitumen im März 2021 Preissteigerungen von 18,5 beziehungsweise 20,6 Prozent im Vergleich zum Dezember 2020. Ursachen bei den Stahlpreisen seien begrenzte Lieferkapazitäten aufgrund einer steigenden Nachfrage von Maschinenbau und Automobilsektor. “Die Bauindustrie erwartet aus den o.g. Gründen – und wegen weiter steigenden Lohnkosten aufgrund der anstehenden Tariflohnverhandlung für 2021 wieder stärkere Preissteigerungen bei Bauleistungen”, warnt René Hagemann-Miksits, stellvertretender HDB-Hauptgeschäftsführer. “Nach einem moderaten Preisanstieg 2020 für Leistungen des Bauhauptgewerbes von 1,3 Prozent (aufgrund der Corona-bedingten schwächeren Nachfrage vor allem im Straßen- und Wirtschaftshochbau sowie der MwSt.-Senkung im zweiten Halbjahr 2020) ist 2021 mit einem Preisanstieg von 2,0 Prozent zu rechnen.”

Lieferengpässe nicht nur bei Stahl, sondern auch Holz

Auch die Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen (BVMB) berichtet von einer hohen Anzahl an Mitgliedsbetrieben, die eine “sehr eingeschränkte” Verfügbarkeit von Stahl verzeichnen. Doch neben Stahl sind noch viele weitere Materialien Mangelware. Laut dem Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) klagen bereits 60 Prozent der von ihm vertretenen und in einer Umfrage befragten Betriebe über Preissteigerungen von über 50 Prozent bei Baumaterialien wie Latt- und Schalholz. Ebenfalls über Lieferengpässe und unsichere Preise beim Baumaterial Holz berichteten die Bauwirtschaft Baden-Württemberg, der Landesverband Holzbau Baden-Württemberg und der Baden-Württembergische Handwerkstag (BWHT) in einer gemeinsamen Erklärung. “Große Lieferprobleme und stark steigende Materialpreise verzögern viele Projekte und verteuern die Gesamtkosten“, erklärt Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold. “So können die Betriebe nicht mehr kostendeckend arbeiten, die Kunden ärgern sich über Verzögerungen oder stornieren Aufträge wegen zu hoher Kosten.”

Neben einfachem Baumaterial werden auch komplexere Produkte knapp

Doch nicht nur Rohstoffe wie Stahl und Holz sind knapp. So meldet die Handwerkskammer Chemnitz unter anderem auch Engpässe und höhere Preise bei Farben und Lacke. Der Bauindustrieverband Nordrhein-Westfalen berichtet ebenfalls über diverse Preissteigerung bei unterschiedlichsten Baumaterialien und verzeichnet beispielsweise einen Anstieg der Preise für Kanalgrundrohre um 50 Prozent in den letzten zwölf Monaten. Und laut dem Landesinnungsverband des Dachdeckerhandwerks Baden-Württemberg klagen Betriebe vor allem auch über Lieferprobleme bei PUR/PIR- und EPS-Dämmstoffen sowie bei Mineralwolle. Zum Teil mangelt es aber auch an für den Bau benötigten komplexeren Produkten. So beklagt der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) Engpässe bei Produkten aus Bereichen wie "Gebäudeautomation" und "Erneuerbare Energien".

Die große Herausforderung: Globalisierung und Spekulation

Als Ursache der aktuellen Baumaterial-Engpässe und der gestiegenen Preise gelten unter anderem die Produktionskapazitäten, die im Jahr 2020 im Zuge der Corona-Pandemie zurückgefahren wurden und nach dem Neustart nun nicht mehr ausreichen. Wo entsprechende Baumaterialien noch verfügbar sind, werden bereits Hamsterkäufe aus Angst vor weiteren Preissteigerungen durchgeführt. Denn gerade bei Holz werden die Materialengpässe und damit verbundenen Preissteigerungen durch die globalisierten Märkte verursacht. Demnach wird Holz aus deutschen Wäldern teilweise sogar als Spekulationsobjekt gehandelt, was die Preise noch weiter nach oben treibt. Außerdem verhindern die zurückliegenden Handelsstreitigkeiten aus der Amtszeit von Donald Trump, dass die USA Holz aus Kanada beziehen können. Daher bestellen die Amerikaner zunehmend in Deutschland und lassen sich selbst von astronomischen Preisen nicht abschrecken, weiß Matthias Winter, Obermeister der Tischler-Innung Bremen.

Mit Stoffpreisgleitklauseln Lösungen finden: Verbände appellieren an die Beteiligten

“Uns ist durchaus bewusst, dass in einer vom Freihandel geprägten globalisierten Wirtschaft Exportverbote oder sonstige dirigistische Maßnahmen nicht zielführend sind“, erklärt Karl-Heinz Krawczyk, Landesinnungsmeister des Dachdeckerinnungsverbands BW. “Dennoch erscheint es uns dringend notwendig, dass die Politik zwischen den Marktpartnern sensibilisiert und zumindest vermittelnd eingreift.” Damit die exorbitant gestiegenen Baupreise am Ende nicht vom Bauherren getragen werden müssen und folglich die Energiewende bedrohen, müssen sich alle beteiligten Akteure um eine gemeinsame Lösung bemühen. So fordert der ZVEH die Hersteller und den Elektrogroßhandel auf, "gegen die Engpässe in der Lieferkette anzugehen und die Problematik nicht durch überzogene Preissteigerungen weiter zu verschärfen".

Derweil appelliert der BVMB an die Auftraggeber der Betriebe, sich "offener für Stoffpreisgleitklauseln in Bauverträgen zu zeigen". Bei einer Stoffpreisgleitklausel wird der Preis einer vereinbarten Dienstleistung bei einem Preisanstieg für benötigtes Baumaterial und bei erhöhten Selbstkosten des Bauunternehmers nach oben angepasst. Schließlich ist es laut BVMB-Hauptgeschäftführer Michael Gilka langfristig klüger, Risiken beispielsweise über Stoffpreisgleitklauseln aufzuteilen, anstatt die Auftragnehmer in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu bringen und einen Baustopp zu riskieren. Doch noch immer seien viele Auftraggeber zurückhaltend, derartige Gleitklauseln in Ausschreibungen oder Verträge mit aufzunehmen, um einen erhöhten Aufwand für die Anwendung und Abrechnung der Leistungen zu vermeiden. Dabei gibt es für beide Seiten Vorteile. "Beide Vertragsparteien sollten dazu allerdings wissen, dass eine Stoffpreisgleitklausel keine Einbahnstraße ist: Sie verhilft nicht nur der Baufirma zu mehr Geld, wenn die Materialpreise steigen, sondern entlastet auch den Auftraggeber, wenn die tatsächlichen Materialpreise hinter dem vereinbarten Vertragsniveau zurückbleiben.”

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