Rückblick 2022: Bauwirtschaft zwischen Schmerz und Chance

Rückblick 2022 Bauwirtschaft zwischen Schmerz und Chance
Foto: Roland Riethmüller

Die fetten Jahre am Bau sind vorbei. Dessen musste sich die Bauwirtschaft im Jahr 2022 schmerzhaft bewusst machen. Und trotzdem liegt in jeder Veränderung eine Chance, man muss sie nur ergreifen. Welche Möglichkeiten die Baubranche in der Veränderung hat und welchen Gefahren sie ausgesetzt ist, wollen wir im diesjährigen Jahresrückblick beleuchten. Denn wie jedes Jahr lassen wir wieder mit dem Jahresrückblick das Jahr ausklingen und wünschen allen Leserinnen und Lesern frohe Weihnachten und einen erfolgreichen Start ins Neue Jahr.

Das zurückliegende Jahr 2022 hat die Bauwirtschaft aus der jahrelangen Hochkonjunktur geholt. Wie jedes Jahr lässt die Redaktion Meistertipp auch in diesem Jahr wieder die großen Ereignisse noch einmal Revue passieren. Dabei ist das wichtigste Thema im diesjährigen traditionellen Jahresrückblick zweifelsohne die besorgniserregende Entwicklung der Baukonjunktur.

Die rückläufige Baukonjunktur bedroht die Bauwirtschaft

 Im Laufe dieses Jahres sorgten demnach die allgemeinen Rahmenbedingungen seit dem Frühjahr für einen deutlichen konjunkturellen Rückgang. Alles begann Anfang des Jahres mit der kompletten Streichung der BEG-Förderprogramme. Damit startete die junge Regierung quasi direkt mit einem Förderchaos ins Neue Jahr. Auch wenn die Entscheidung kurzfristig wieder rückgängig gemacht wurde, so wissen wir heute, dass die neuen Fördermittel trotzdem nicht ausreichend waren, um gegenzusteuern. Schuld an dem massiven Einbruch der Baukonjunktur waren vor allem die Nachwirkungen der Coronakrise und der Angriffskrieg in der Ukraine. Infolgedessen wurden die eh schon angeschlagenen Lieferketten teilweise vollständig unterbrochen, was zu erheblichen Lieferengpässen mit teilweise empfindlichen Preiserhöhungen führte. Das betraf vor allem die Energieversorgung. Der Preis von Gas und Erdöl schoss in die Höhe, aber auch Pellets unterlagen hohen Preissteigerungen. Dabei waren die Preissteigerungen teilweise sogar existenziell und führten zu einem gestiegenen Insolvenzrisiko im Baugewerbe. Neben den Energiekosten unterlagen jedoch auch alle anderen Baumaterialien einem deutlichen Preisanstieg. Sechs Aspekte gelten gemeinhin als Grund für die rasante Baupreisentwicklung. Und als ob das nicht schon genug wäre, so werden dramatische Szenarien für das erste Quartal des kommenden Jahres vorhergesagt. Welche Auswirkungen das auf die deutsche Bauwirtschaft hat, lässt sich nur erahnen. Prognosen zufolge werden eh in den kommenden Jahren mit einem Anteil von 90 Prozent der Großteil der kleineren Betriebe verschwinden und die Struktur der Baubranche nachhaltig verändern. Der jüngste Erlass zur Stoffpreisklausel ist zwar richtig und wichtig, doch wird diese Entwicklung dadurch nicht aufgehalten. Denn eins ist sicher: Ohne Baustoffe kann das ambitionierte Ziel der Bundesregierung, 400.000 neue Wohnungen im Wohnungsbau zu schaffen, nicht erreicht werden. Durch die steigenden Stornierungen rückt dieses Ziel immer weiter in den Hintergrund.

Nachhaltigkeit am Bau wird immer wichtiger

Doch man muss auch die Chancen erkennen. So hat die Baumaterialknappheit auch einen Vorteil, denn sie zwingt zum Umdenken. Ob Recyclingbeton oder die Verwendung heimischer Baustoffe, die Baubranche hat die Notwendigkeit erkannt. Immer mehr Initiativen beschäftigen sich mittlerweile mit Nachhaltigkeit und versuchen der Branche einen grünen Touch zu geben. Dazu gehören neben zementfreien Baustoffen auch die Weiterverarbeitung von Abfallstoffen aus der Zementherstellung. In der Dekarbonisierung liegt nicht nur eine Notwendigkeit, sondern eben auch eine große Chance.

Große Chancen durch die digitale Transformation

Auch die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten, die Baubranche grundlegend zu verändern. Mittelfristig wird an der Transformation kein Weg vorbeiführen. Das serielle Bauen kann beispielsweise ein Weg sein, die Ziele im Wohnungsbau zu erreichen. Dabei könnten Wandmodule vorgefertigt oder mit dem Wandmodultoaster direkt auf der Baustelle gegossen werden. Doch die technologische Entwicklung reicht von neuen Methoden wie Building Information Modeling (BIM) bis hin zu neuen Tools wie dem Roboterhund, der auf der Baustelle den Baufortschritt dokumentiert. Auch immer mehr Softwaretools helfen dabei, die Prozesse auf den Baustellen zu optimieren. Dazu gehört auch der 1Lieferschein als neuer Standard für digitale Lieferscheine.

Fachkräftemangel und die Ressource Mensch

Dass die Energiewende ohne zusätzliche Fachkräfte kaum zu bewältigen ist, beweist eindrucksvoll die SHK-Branche. Denn während sie mit rund 25 Prozent Wachstum dem konjunkturellen Trend trotzt, fehlt es am Ende an den Fachkräften. Um die gestiegene Nachfrage nach Wärmepumpen zu befriedigen, bedarf es weiterer Installateure. Der Fachkräftemangel belastet die Branche, sodass neue Wege zur Fachkräftegewinnung gefragt sind. Doch wie kann der Bedarf gedeckt werden? Aus diesem Grund spricht sich die Bauwirtschaft für mehr Einwanderung aus. So ist für die Fachkräftesicherung auch der neue Tarifabschluss im SHK-Handwerk zu begrüßen. Auch das Malerhandwerk konnte sich nach langer Uneinigkeit am Ende doch auf einen neuen Tariflohn einigen. Denn dass die Tarifverhandlungen in unsicheren Zeiten wie heute schwierig sind, musste das Bauhauptgewerbe quasi am eigenen Leib erfahren. So besitzt die Branche seit Mitte des Jahres keinen Branchen-Mindestlohn mehr, was sicher für die Branchenattraktivität nicht förderlich ist.

Es bleibt spannend, wie sich das kommende Jahr 2023 wirklich entwickeln wird. Bei aller Schwarzmalerei bleibt ein Hoffnungsschimmer für die Bauwirtschaft. Denn noch immer müssen die Klimaschutzziele erfüllt werden und noch immer drängen immer mehr Menschen in urbane Lebensräume. Für beide Bereiche bietet die Bauwirtschaft Lösungen. Bleibt zu hoffen, dass sich endlich die Rahmenbedingungen in die richtige Richtung drehen, sodass auch diese Krise zu bewältigen ist. Wir wünschen Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest, ein paar besinnliche Weihnachtsfeiertage und einen erfolgreichen Start ins Neue Jahr. Ab dem 2. Januar sind wir wieder für Sie da. Bleiben Sie gesund und alles Gute!

Weitere Informationen:
Jahresrückblicke 2021, 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011

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