Schwere Versäumnisse der Wohnungsbaupolitik

News , 23.09.2015 , Roland Riethmüller Bild zu: Schwere Versäumnisse der Wohnungsbaupolitik
Foto: Roland Riethmüller

Die Wohnungsbaupolitik gerät immer stärker unter Druck: Der akut bestehende Nachholbedarf auf der einen und der enorm steigende Bevölkerungszuwachs im urbanen Raum auf der anderen Seite stellt den Wohnungsneubau vor eine echte Herausforderung. Nach Untersuchung vom Pestel-Institut gibt es einen jährlichen Bedarf von 400.000 neuen Wohnungen in den nächsten fünf Jahren, was eigentlich nur durch eine Verdoppelung der Bautätigkeit erreicht werden kann.

Der Wohnungsneubau steht vor einer echten Herausforderung! Laut der Bedarfsberechnung der Wohnungsmarktprognose 2025 des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) werden jährlich durchschnittlich 242.000 neue Wohnungen benötigt. Da in der Vergangenheit allerdings nur durchschnittlich 205.000 neue Wohnungen jährlich gebaut wurden, hat das Pestel-Institut Hannover ein kumuliertes Defizit der vergangenen sieben Jahren von knapp 260.000 Wohnungen errechnet. Durch eine höhere Zuwanderung als ursprünglich prognostiziert, fehlten Ende 2015 darüber hinaus weitere 510.000 Wohnungen. Somit muss man von rund 770.000 Wohnungen sprechen, die unabhängig von der aktuellen Situation seit 2009 zu wenig gebaut wurden.

Neben dem bestehenden Wohnungsdefizit der letzten Jahre belastet auch die wachsende Landflucht in Deutschland, sowie die anhaltende Zuwanderung aus der EU und der zunehmende Flüchtlingsstrom die Wohnungsbausituation. Die Wissenschaftler sind sich einig, dass nur mit dem Bau von jährlich 400.000 Wohnungen in den kommenden fünf Jahren die Situation entspannt werden kann. Konkret bedeutet dies einen Anstieg basierend auf dem heutigen Niveau um 140.000 zusätzlichen Wohnungen, davon 80.000 Sozialwohnungen und 60.000 Wohnungseinheiten im bezahlbaren Wohnungsbau. Denn vor allem in Großstädten, Ballungszentren und Universitätsstädten ist der Wohnraum knapp, bestätigt das Verbändebündnis “Sozialer Wohnungsbau”, das die Studie in Auftrag gegeben hat.

Zur nachhaltigen Entschärfung der Situation im Wohnungsbau empfiehlt daher das Pestel-Institut einen kompletten Neustart des sozialen Wohnungsbaus für Haushalte mit unterem Einkommen und sozial Bedürftige. Dafür bedarf es attraktiver Anreize für genossenschaftliche und öffentliche Wohnungsunternehmen wie Investitionszulagen. Doch auch private Investoren sollten durch zeitlich begrenzte Steuervorteile, wie beispielsweise der Wiedereinführung der Sonderabschreibung nach § 7k des Einkommensteuergesetzes zum verstärkten Neubau von Sozialmietwohnungen aktiviert werden. Das Pestel-Institut rechnet mit Förderkosten in Höhe von 6,4 Milliarden Euro, um die benötigten 80.000 Sozialwohnungen zu errichten. Durch die verstärkte Bautätigkeit würden zusätzliche Steuereinnahmen in Höhe von 3,6 Milliarden Euro in die Kassen von Bund, Länder und Gemeinden zurückfließen. Außerdem würden die Sozialversicherungen knapp 950 Millionen Euro an zusätzlichen Beiträgen einnehmen.

Wirtschaftlich noch attraktiver gestaltet sich die Situation bei der Schaffung von bezahlbarem Wohnungsbau in urbanen Lebensräumen für Haushalte mit mittlerem Einkommen. Dabei empfehlen die Wissenschaftler vor allem wegen der wiederholten Verschärfung der Energieeinsparverordnung für neue Wohngebäude die Erhöhung der Abschreibung (AfA) auf drei Prozent. In Verbindung mit einer Sonder-AfA in Gegenden mit besonders angespanntem Wohnungsmarkt könnten somit die benötigten Durchschnitts-Kaltmieten von 7,50 bis 8,00 Euro erreicht werden. Die 60.000 benötigten Wohnungen könnten mit Investitionen in Höhe von 3,22 Milliarden Euro initiiert werden und wären durch Steuereinnahmen in Höhe von 2,7 Milliarden Euro gedeckt.

Der dritte Punkt zur Stimulation im Wohnungsbau betrifft den bezahlbaren Baugrund. Hier sind Bund, Länder und Kommunen gefordert, der “Baulandpreis-Rallye” ein Ende zu setzen.