Tarifforderungen bedrohen Entwicklung der Bauwirtschaft

News , 06.02.2018 , Roland Riethmüller Bild zu: Tarifforderungen bedrohen Entwicklung der Bauwirtschaft
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Das Baugewerbe steht vor einer neuen Tarifrunde. Die Tarifverhandlung fällt dabei in eine Zeit, in der das Geschäft besonders brummt. Da ist es verständlich, dass die Gewerkschaft einen Teil vom Kuchen möchte. Doch ob die ambitionierten Forderungen eine faire Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer oder am Ende doch nur ein Eigentor darstellen, wird sich zeigen.

Morgen beginnen in Wiesbaden die Verhandlungen in der Tarifrunde für das Bauhauptgewerbe. Die ausgesprochen gute Baukonjunktur gibt den Arbeitnehmervertretern Rückenwind für kräftige Lohn- und Gehaltsforderungen. So beansprucht die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) eine Einkommenssteigerung von sechs Prozent plus der bundesweiten Zahlung eines 13. Monatseinkommens. Darüber hinaus sollen Fahrten zur Baustelle künftig als Arbeitszeit vergütet werden. Außerdem fordert die IG Bau eine komplette Übernahme aller Ausbildungskosten zur Steigerung der Attraktivität in der Bauwirtschaft.

Anrechnung der Wegezeiten als Arbeitszeit erhöht Fachkräftemangel

Was die einen als faire Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ansehen, halten die anderen für eine Bedrohung der Bewältigung des erhöhten Auftragsbestands. So bringt die gute Baukonjunktur schließlich auch einen erhöhten Bedarf an Arbeitskräften mit sich. Der Fachkräftemangel jedoch hemmt die termingerechte Abwicklung dieser Aufträge. Nach Berechnung des Zentralverband des Deutschen Baugewerkbes (ZDB) würde diese Situation durch eine Anrechnung der Wegezeiten als Arbeitszeit noch zusätzlich verstärkt werden und die verfügbare produktive Arbeitszeit um etwa ein Achtel reduzieren. “Das wäre das größte Fachkräfteabbauprogramm in Deutschland seit Einführung der Rente mit 63”, urteilt ZDB-Vizepräsident Frank Dupré.

Nicht alle Bereiche der Bauwirtschaft wachsen überdurchschnittlich

Auch eine pauschale Lohn- und Gehaltserhöhung um sechs Prozent stehe laut den Arbeitgebervertretern in keiner Relation zu der unstrittig positiven Umsatzentwicklung mit fünf Prozent Wachstum im vergangenen Jahr. Auch sei das Umsatzwachstum im Baugewerbe sehr differenziert zu betrachten. Schließlich entwickelt sich der Wohnungsbau im Bereich der Ein- und Mehrfamilienhäuser sowie auch das Baugewerbe in den einzelnen Regionen und Großenklassen gegen den allgemeinen Trend. Ein bundesweiter Tarifabschluss würde daher alle Bereiche der Bauwirtschaft den Spitzenwerten gleichsetzen und möglicherweise weitere Austritte aus der Tarifbindung zur Folge haben. “Das kann weder im Interesse der Gewerkschaft noch der Unternehmen sein, die durch Branchentarifverträge realistische Mindestvergütungen für die gesamte Branche festlegen wollen”, so Dupré.

Investitionen in Beschäftigungsaufbau

Darüber hinaus erinnert Dupré daran, dass ein gestiegener Umsatz keineswegs auch einem gestiegenen Ertrag gleichkomme. Im Gegenteil: durch die Tarifabschlüsse der vergangenen Jahre konnten die Beschäftigten kräftige Reallohnzuwächse realisieren. Auch wurde in den letzten Jahren intensiv in den Beschäftigungsaufbau investiert, der von 715.000 auf 805.000 gestiegen ist. “Jeder neunte Beschäftigte in der Branche hat seinen Arbeitsplatz der guten Auftragslage zu verdanken”, erklärt Dupré. “Wenn das keine Erfolgsbeteiligung ist, kann ich die Klagen der Gewerkschaft nicht nachvollziehen.”