Verstöße gegen Hygiene-Regeln am Bau - alles nur Politik?

News | Roland Riethmüller | 10.08.2020
Verstöße gegen Hygiene-Regeln am Bau - alles nur Politik?
Foto: Roland Riethmüller

Auf den Baustellen werde die Corona-Gefahr immer häufiger ignoriert. Das ist die schwere Anschuldigung der IG BAU. Angeblich mangele es an Disziplin auf den Baustellen und der notwendigen Hygiene. Einmal sei wohl sogar das Tragen von Schutzmasken explizit verboten gewesen. Das Baugewerbe wehrt sich gegen diese Pauschalvorwürfe und erklärt, dass die Einzelfälle lediglich Meinungsmache seien, um die Verhandlungsposition der Gewerkschaft in der aktuellen Tarifrunde zu stärken.

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) hat bei jüngsten Arbeitsschutzkontrollen von massiven Verstößen berichtet. Viele Arbeitgeber würden die Gefahren der Corona-Pandemie ignorieren und seien zum alten Verhaltensmuster zurückgekehrt. So werden oftmals die Hygiene und der Sicherheitsabstand auf den Baustellen nicht beachtet. Auch finden wieder Sammeltransporte zu den Baustellen statt. Eng beieinander sitzen dabei die Bauarbeiter in den Bullis. Das könne nicht akzeptiert werden, erklärt der Bundesvorsitzende der IG BAU, Robert Feiger. Es müssen individuelle An- und Abfahrten geschaffen werden. Ein Fall aus Norddeutschland macht sogar Furore, denn da habe sogar ein Arbeitgeber das Tragen von Schutzmasken explizit verboten. Er begründete das Verbot damit, dass dann die Brille beschlagen würde und ein vernünftiges Arbeiten nicht möglich wäre.

Völlig verantwortungsloses Handeln durch fehlende Disziplin

Feiger betont, dass auch der Schutz vor Corona zum Arbeitsschutz gehöre. Die Beschäftigten am Bau sollten kein Risiko eingehen und sich zur Wehr setzen. Oft hätten Bauarbeiter nicht einmal die Möglichkeit, sich am Waschbecken mit fließendem Wasser und Seife die Hände zu waschen. Das Aufstellen von Desinfektionsmittelspendern sei ohnehin die Ausnahme am Bau, so Feiger. Besonders bei Arbeiten im Innenbau oder überall dort, wo nicht unter freiem Himmel gearbeitet wird, seien die fehlenden Hygiene-Maßnahmen absolut verantwortungslos. Feiger appelliert deshalb an alle Beschäftigten, sich an die Baugewerkschaft zu wenden und solche Anweisungen vom Arbeitgeber nicht zu akzeptieren.

Das Baugewerbe widerspricht den Vorwürfen

“Die Bauunternehmen in Deutschland haben von Beginn der Corona-Pandemie mit dem größtmöglichen Maß an Verantwortungsbewusstsein gehandelt und die Gesundheit ihrer Beschäftigten an die erste Stelle gestellt”, dementiert der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) die Vorwürfe. Das Baugewerbe sehe die Eindämmung der Corona-Pandemie als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der jeder Einzelnen seinen Beitrag zu leisten habe. Dazu gehöre die Einhaltung der Abstandsregeln sowie die Verwendung eines Mund-Nasen-Schutzes überall dort, wo keine Mindestabstand eingehalten werden könne.

Strenge Einhaltung der Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen am Bau

“Das Selbstverständnis der größtenteils inhabergeführten Familienunternehmen des Baugewerbes bedingt, dass sich diese mit aller Kraft der weiteren Verbreitung des Coronavirus entgegenstellen und für die Einhaltung der erforderlichen Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen eintreten”, erklärt der ZDB und fordert die Gewerkschaft auf, auch die Beschäftigten stärker in die Pflicht zu nehmen. Denn aufgrund der insgesamt steigenden Infektionen könne nicht ausgeschlossen werden, dass es in Einzelfällen auch auf Baustellen zur Übertragung kommen könne. Trotzdem belegen die aktuellen Zahlen, dass Übertragungen des Coronavirus hauptsächlich im privaten Bereich vor allem auf Urlaubsrückkehrern aus Risikogebieten zurückzuführen seien.

Bedauerliche Einzelfälle nicht repräsentativ für die gesamte Baubranche

Überhaupt seien laut Aussage der Berufsgenossenschaft BG Bau, die für die Überprüfung der Einhaltung der Arbeitsschutzstandards zuständig ist, bei knapp 90 Prozent der Betriebe überhaupt keine Verstöße gegen die Hygieneregeln beanstandet worden. Im Gegenteil, die Bedingungen auf den Baustellen hätten sich im Vergleich zur Situation vor der Corona-Krise eher verbessert.

“Es ist bedauerlich, dass die Gewerkschaft mit derartigen Pauschalvorwürfen die ganze Branche in Verruf bringen möchte”, erklärt der ZDB und erinnert daran, dass sich noch vor wenigen Wochen die Sozialpartner gemeinsam zur Einhaltung der Arbeitsschutzstandards stark gemacht hätten. So sei es sehr unverhältnismäßig, dass die IG BAU aufgrund von Einzelfällen die gesamte Baubranche diskreditieren möchte. Dabei entstünde eher der Eindruck, dass die Vorwürfe der Gewerkschaft nur deshalb vorgebracht werden, um deren Verhandlungsposition in der laufenden Tarifverhandlung im Bauhauptgewerbe zu stärken.

Aktuelle Kommentare zum Beitrag.
  (Geschrieben von Gast am 11.08.2020 )

Ich kann  die Aussage der IG Bau leider nur bestätigen.

Ich betreue 15 Baustellen zum Teil auch groß Projekte. Auf nicht einer werden die Abstandregeln eingehalten bzw. wo dieses aus Arbeitsgründen nicht geht eine Maske getragen. Von ausreichend Möglichkeiten sich die Hände zu Waschen und zu Desinfizieren ganz zu schweigen. Nicht auf einer der Baustellen gibt es Desinfektionsmittel in den WC Containern. Wenn man dieses beim Bauherren oder der Bauleitung bemängelt wird einem gleich mit Verweis von der Baustelle und Kündigung des Auftrags gedroht.

Ich finde das kann es doch nicht sein. Hier sollte eindeutig mehr Kontrolliert werden. 

  

  (Geschrieben von matthias willutzki am 11.08.2020 )

das ist hier in der schweiz genau so , corona interessiert keinen Bauherren , wer was sagt darf seine Sachen packen und gehen

  (Geschrieben von Gast am 11.08.2020 )

Sofern Sie 15 Baustellen betreuen ist es Ihr Job die Situation/das Verhalten Ihrer Leute zu überwachen. 
Bei uns in einem zig Mrd-Projekt funktioniert es hervorragend ... Kommunikation und Organisation ist eben alles.

Btw ist medial nicht eine Baustelle bekannt, bei der die Situation analog anderer Industriebetriebe so aus dem Ruder gelaufen wäre, dass man hätte grundsätzlich dicht machen müssen. Unsere Monteure, Arbeiter und Handwerker haben darüber hinaus auch andere Sorgen als Urlaub auf Mallorca, alternative Demos oder Partys am Timmendorfer Strand.

  (Geschrieben von Keller am 11.08.2020 )

Ich gebe den Gewerkschaften recht Was ich an Baustellen erlebe ist genau das.

Kein Mundschutz, kein Abstand , keine Desinfektion nichts !!!

Alles wie ohne Corona. Sch….

 

  (Geschrieben von Matthias am 11.08.2020 )

Bei uns in Sachsen wird die Aufgabe der Kontrolle, bei freistaatlichen Projekten, den SiGe-Ko´s übertragen. Diese kontrollieren dann auch die Waschräume, ob Seifenspender und Desinfektionsmittelspender vorhanden sind. Funktioniert ganz gut.....

  (Geschrieben von Gast2 am 11.08.2020 )

Ich bin viel auf verschiedenen Baustellen unterwegs und kann auch nur bestätigen, dass die Hygieneregeln am Bau weitestgehend vorbeigegangen sind. Von den großen Worten der Geschäftsleitungen der Baukonzerne sind allenfalls die "blauen Häuschen" durch Sanitärcontainer ersetzt wurden. In den Ausbaugewerken sind die Abstandsregeln meist (objektiv) nicht einzuhalten, Masken trägt kaum einer.

  (Geschrieben von Paul Jung am 11.08.2020 )

Kenne keinen einzigen für die Medien interessanten Fall , wie in anderen Industrien .

  (Geschrieben von Herr Müller am 11.08.2020 )

Ich arbeite auch als SiGeKo auf Baustellen. Meist sind es kleinere Baustellen mit kleinen Betrieben. Da ist es unmöglich die Regeln einzuhalten. Meist ist kein Platz auf den Baustellen für einen Sanitärcontainer (abgesehen davon, dass es keiner bezahlen will), kein Platz für Individualfahrzeuge um selbst auf die Baustelle zu kommen. Man arbeitet prinzipiell ohne Mundschutz. Man kann es noch so oft sagen, aber es ändert sich rein gar nichts. Immerhin werden alle anderen Sicherheitsregeln beachtet, aber leider keine bezüglich Corona. Es ist auf allen Baustellen in der Gegend so an der ich vorbei komme, auch solche die ich nicht betreue. Ja, es ist ein großes Problem an dem SiGeKos scheitern, weil ihnen die Unterstützung von Seiten der überforderten Behörden fehlt und die Einsicht der Bauherren. Ohne letztere kann man als SiGeKo nicht vollumfänglich arbeiten. Alles schöne Theorie, schöne Sonntagsreden, aber die Realität sieht anders aus.

  (Geschrieben von Titus R. am 11.08.2020 )

Pauschale Äußerungen zu diesem Thema sind eine Frechheit. Ich bin als Bauleiter im Straßen- und Tiefbau tätig und für mittlere bis große Bauvorhaben zuständig. Sowohl wir als Firma als auch der Großteil unserer Mitarbeiter achtet auf die erforderlichen Regeln. Dass ein Mindestabstand auf dem Bau nicht vollumfänglich einzuhalten ist, sollte jedem klar sein. Das Tragen von Masken ist jedoch auch keine Lösung, da fast unzumutbar, gerade bei diesem Wetter. Weiterhin gilt zu beachten,  dass das Ansteckungsrisiko stark davon abhängig ist ob man drinnen oder draußen arbeitet. 

Weiterhin erlebe ich verständnisvolle Auftraggeber,  die mit uns im Dialog sind, und auch Kosten übernehmen. Das gilt für private und öffentliche.

Von der Gewerkschaft empfinde ich es als gesellschaftlich ungeheuerlich so einen schweren Vorwurt im Gießkannenprinzip zu verteilen. Dass hier die anstehende Schlichtung Ende August eine große Rolle spielt, ist denke ich für jeden ersichtlich. Die Gewerkschaft sollte sich schämen und lieber gezielt dort aktiv werden, wo tatsächlich Misswirtschaft betrieben wird. Ob dies medienwirksam erfolgt, ist dabei nebensächlich.

Wir stellen diese Frage, um automatisierten Spam zu verhindern.

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