Viel Skepsis über digitalisierte Beschaffungsprozesse am Bau

News | Frank Kessler | 24.11.2020

Mehrsprachigkeit, unterschiedliche Märkte sowie spezifische Baudisziplinen sind nur einige der großen Herausforderungen. Die Digitalisierung der Beschaffungsprozesse insbesondere für international tätige Baukonzerne ist von vielen Themen erschwert. Generell bestehe in der "analog-orientierten Basis" der Bauwirtschaft eine Skepsis gegenüber solch einer Digitalisierung. Diese müsse erst noch überwunden werden. Trotzdem waren sich die Experten aber auch der vielen Vorteile digitalisierter Beschaffungsprozesse bewusst.

Wie ist es um digitalisierte Beschaffungsprozesse in der Bauwirtschaft bestellt? Dieses Thema ist kürzlich in einem aktuellen Expertendialog näher beleuchtet worden. Bei den Experten im Gespräch handelte es sich um Michael Kern, projektverantwortlicher Gruppenleiter im Konzerneinkauf der österreichischen PORR AG, und um die projekterfahrene Beraterin Susanne Wagner von der Wiener Beratungsfirma CNT Management Consulting AG. Geleitet wurde das Gespräch von der SAP-Moderatorin Maggie Childs. Kern nennt demnach zusätzlich zu den bereits erwähnten Herausforderungen einen weiteren wichtigen Grund für skeptische Blicke auf digitalisierte Beschaffungsprozesse: die Angst vor mangelnder oder falscher Datenübertragung. Denn bei einer verzögerten Lieferung dringend benötigten Baumaterials steht die Baustelle still, und es können hohe Kosten entstehen. Der Verzicht auf Digitalisierung aus Angst vor einer solchen Panne würde aus Sicht der Experten jedoch einen Verzicht auf viele Vorteile bedeuten.

Digitalisierung bietet hohe Effizienz- und Einsparpotenziale

Insbesondere bei hohen Transaktionszahlen und geringen Bestellwerten sieht der PORR-Manager große Einsparungspotenziale durch digitalisierte Beschaffungsprozesse. In solchen Fällen müssten alle Belege geprüft, freigegeben und abgerechnet werden, argumentiert er. Bei herkömmlichen analogen Prozessen seien die Kosten dann oft höher als der Wert der bestellten Baumaterialien. "Je mehr Informationen wir kompakt digital haben, desto besser für die strategische Ausrichtung und desto rascher können Entscheidungen getroffen werden", lautet sein Urteil.

Weitere im Expertengespräch genannte Vorteile digitalisierter Beschaffungsprozesse sind eine "engere Verzahnung der Lieferketten, eine durchgängige Datenbasis und damit eine bessere Abbildung der gesamten Wertschöpfungskette". Durch derart transparente und nachhaltige Lieferketten entsteht aus Sicht von Susanne Wagner nicht zuletzt eine erhöhte Glaubwürdigkeit bei immer bewusster entscheidenden Konsumenten. Mit optimierter Digitalisierung könnte die Produktivität der Bauwirtschaft zudem aufholen. Immerhin ist diese im Vergleich zur Gesamtwirtschaft in den letzten Jahren nur zu einem Drittel angestiegen.

PORR steckt mit Digitalisierungsprozess im Rollout

Als Positivbeispiel für die Digitalisierung der Beschaffungsprozesse wird im Expertengespräch der Digitalisierungsprozess der PORR AG genannt. Sie hat eine eigene (digitale) Beschaffungsorganisation für besser geordnete, weitgehend standardisierte Abläufe aufgebaut. Zudem wurden gleichzeitig zwei SAP-Tools eingeführt: ein Materialmanagement-Tool und eine B2B-Beschaffungsplattform. Während PORR mit dem Management-Tool Materialflüsse und Materialbestände plant, steuert und optimiert, sorgt die Beschaffungsplattform für standardisierte Einkäufe und Ausschreibungen, die von der Bedarfserhebung bis zur Abrechnung alles umfassen.

Wichtig für eine gelungene Digitalisierung der Beschaffungsprozesse sind funktionierende (Cloud-basierte) Lösungen, auch für die Beschaffungsabwicklung mit Handy und Tablet auf Baustellen. Solche Lösungen existieren bereits: ERP-Systeme mit zahlreichen Schnittstellen und der Möglichkeit, riesige Datenmengen innerhalb von Sekunden abzurufen oder auszuwerten. Aber auch hier gilt es, erst einmal vorhandene Skepsis in der Bauwirtschaft abzubauen.

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