Die Renaissance des Holzes? Über Holzhäuser und die „German Angst“

Die Renaissance des Holzes? Über Holzhäuser und die „German Angst“
Foto: H.D.Volz / pixelio.de

Holz nimmt in der Bauwirtschaft einen besonderen Stellenwert ein. Auf der einen Seite gilt der Baustoff als natürlich und nachhaltig, auf der anderen Seite gibt es immer noch Bedenken hinsichtlich der Tragfähigkeit. Doch das ist Unsinn und wird durch aktuelle Holzbauprojekte widerlegt. Trotz aller Vorteile gibt es jedoch Bedenken, die die Amerikaner als „German Angst“ bezeichnen.

Die Liebe zum Holz: Spätestens als der erste Mensch einen Faustkeil in die Hand nahm, um einen anderen Stein damit zu bearbeiten, waren die Grundlagen für den späteren Hausbau gelegt. Über Jahrtausende hat sich die Technik fortentwickelt, neue Materialen wurden verwendet und nach und nach bessere Arbeitsvorgänge ertüftelt. Dabei war ein bestimmtes Baumaterial schon immer sehr beliebt: Holz. Und auch heute gilt noch: Holz-Fans auf der ganzen Welt schätzen die Naturverbundenheit, welches diese natürliche Baumaterie jeder Decke, jedem Boden – egal ob Laminat- oder Parkett – und jeder Wand besonders durch seine einzigartige Musterung einflößen kann. Unabhängig davon, ob es sich beim Bau des Holzhauses um ein massives Blockhaus oder um ein sogenanntes „Schwedenhaus“ handelt, Holzhäuser erleben in den letzten Jahren eine wahre Renaissance. Insbesondere in den USA sind „framehouses“ und „log cabins“ sehr verbreitet. Das liegt auch daran, dass die ersten Siedler in Nordamerika zum Häuserbau fast ausschließlich das massenweise an der Ostküste verfügbare Holz verwendet haben und diese Bauweise somit eine sehr klassische Art darstellt.

Eine Frage der Konstruktion: Ein Holzhaus ist prinzipiell immer dann ein Holzhaus, wenn zumindest sein Tragwerk aus Holz besteht. Auf der einen Seite gibt es die sogenannte „Blockbohlenbauweise“, bei welcher durch das Zusammenfügen von Balken, Brettern und Stämmen die Decken und Wände konstruiert werden. Auf der anderen Seite kann ein Holzhaus auch aus einem sogenannten „Stabtragwerk“ bestehen, wobei senkrecht stehende Gehölze die Last von den Holzstämmen übernehmen, die waagrecht in Dach und Decke angebracht sind. Traditionelle Vertreter dieser Bauart sind beispielsweise Fachwerkhäuser.

Deutsche Bedenken zum Holzhaus: Zur Zeit der Besiedelung der USA gab es in Europa – vor allem wegen des Holzbedarfs für die Holzkohlegewinnung und den Schiffsbau – eine regelrechte Holzknappheit, wodurch sich zwangsläufig andere Gewohnheiten im Hausbau durchgesetzt haben: Das Steinhaus wurde nach und nach zum europäischen und vor allem auch zum deutschen Standard. Auffällig ist, dass Deutsche generell Holzhäuser als instabil ansehen. Zahlreiche Fernsehbilder über Katastrophen-Szenarien, in denen beispielsweise US-amerikanische Holzhäuser zerstört werden, scheinen ihre Vorurteile zu bestätigen. Dabei ist diese Sichtweise womöglich eher das Ergebnis einer kollektiven Wahrnehmungsverzerrung als eine berechtigte Bemängelung derer Beschaffenheit. Wie kommt es zu dieser surrealen „Angst“? Welche Vor- und Nachteile birgt der Bau eines Holzhauses?

Wie sieht es mit den Fakten aus? Welche Vorteile bringen Holzhäuser?

Baukosten
Die Baukosten für ein Holzhaus fallen üblicherweise geringer aus. Das liegt unter anderem daran, dass Holzhäuser oft in Rahmenbauweise bzw. als Ständerbauten weitestgehend vorgefertigt erworben werden können. Auf diese Weise können einzelne Elemente eines Holzhauses in Fertigbauweise angeliefert und vor Ort rasch montiert werden.

Beständigkeit
Wer Holz als Baustoff benutzt, wird seine Freude an der langen Beständigkeit seines Hauses haben. Hierfür ist aber unabdingbar, dass der Rohbau bei der Konstruktion keiner Nässe ausgesetzt und dass das Holz richtig verarbeitet wurde.

Nutzflächengewinn
Die Wandstärke einer Holzrahmenwand liegt für gewöhnlich unter der Breite einer Wand in Massivbauweise. Daher kann ein Holzhaus einen Nutzflächengewinn von bis zu zehn Prozent ermöglichen.

Ökologische Bilanz
Holz ist nicht nur ein ökologisch nachhaltiger Baustoff mit eher kurzen Anfahrtswegen, Holz ist außerdem ein nachwachsender Rohstoff, der in keiner Weise seine Umwelt gefährdet.

Raumklima
Wird ein Holzhaus in tadelloser Trockenbauweise errichtet, so kann ein Holzhaus von Anfang an für ein gutes Raumklima sorgen, wovon insbesondere Allergiker und Asthmatiker profitieren.

Welche Nachteile werden üblicherweise mit einem Holzhaus verbunden?

Luftdichtheit
Typische Schwachstellen eines Holzhauses sind für gewöhnlich mangelnde Luftdichtheit, sofern das Haus mangelhaft geplant oder das Material falsch verarbeitet wurde.

Optisches Aussehen
Die Fassade leidet nach und nach: Wenn sie unbehandelt ist, wird sie mit der Zeit grau. Wer dies verhindern möchte, muss zum Pinsel greifen und alle zwei bis drei Jahre lackieren, was allerdings hohe Folgekosten nach sich ziehen kann.

Schädlinge
Hat der Rohbau eines Holzhauses während der Bauzeit zu viel Feuchtigkeit erfahren, können sich dort schnell Insekten und Schimmel einnisten.

Schallschutz
Wer ein Holzhaus baut, der muss damit leben, dass Geräusche aus anderen Räumen deutlicher zu hören sind als in einem Steinhaus. Dazu zählen auch Knackgeräusche durch die unvermeidliche Schrumpfung eines jeden Holzhauses.

Witterungsschutz
Ist ein Holzhaus undicht, kann es sogar hineinregnen.

"German Angst"

Viele US-Amerikanische Baumeister sind überzeugt: Die Deutschen nehmen das Sprichwort „My home is my castle“ wörtlich. Denn für Deutsche müsse ein Haus zwangsläufig aus Stein bestehen und sozusagen in den Boden gemeißelt sein. Während für andere Nationen ein Haus lediglich ein Objekt ist, das jederzeit wieder verkauft werden kann, sehen wir hingegen ein Haus als eine Lebensinvestition an, die möglichst perfekt geplant werden muss. Vielleicht ist dies aber auch eine kollektive Sehnsucht nach Beständigkeit und Sicherheit, die uns gerne von unseren europäischen Nachbarn anheimgestellt wird. Dabei wird häufig der Begriff „German Angst“ verwendet. Das Portal „psychomeda.de“ definiert dies als ein typisch deutsches „Phänomen der grundlosen Angst oder Besorgtheit“. Das heißt im Klartext: Die deutsche Gewohnheit vorzugsweise robuste, stabile und zukunftssichere Häuser zu bauen, ist womöglich symptomatisch für eine typisch deutsche Furcht vor dem Verlust von Sicherheit und Wohlstand. Diese Angst ist weitestgehend unbegründet, da die wirtschaftlichen Umstände Deutschlands – verglichen zu anderen Ländern Europas – tadellos sind und Deutschlands Lebensbedingungen von vielen anderen Staaten sogar beneidet werden.

Vererbung oder Gewohnheit? Einige Sozialwissenschaftler gehen davon aus, dass die „German Angst“ das Ergebnis einer Traumatisierung der deutschen Bevölkerung durch zwei Weltkriege sein könnte. Die dort erlebten Krisen und Traumata – wie Hungersnot, Kriegsgeschehen, Verfolgung und Vertreibung – könnten eventuell über mehrere Generation hinweg, so glauben einige Forscher, in das Erbgut von Kindern und sogar von Enkeln Eingang gefunden haben. Dieser Vorgang der Weitergabe von Erbinformationen wird in der „transgenerationalen Epigenetik“ untersucht. Selbstverständlich hatten auch andere Bevölkerungen Europas derartige Leiden in den beiden Weltkriegen durchzustehen – jedoch hatte kein europäisches Land eine derartige Niederlage und Zerstörung erfahren wie Deutschland im Jahre 1945. Ob aber eine eher kritische Haltung gegenüber Holzhäusern tatsächlich auf eine vererbte deutsche Sehnsucht nach massiver Stabilität in allen Lebensbereichen zurückzuführen ist, bleibt jedoch diskutabel.