Was die 2020er in Sachen Bau- und Wohnwünsche bringen werden

Was die 2020er in Sachen Bau- und Wohnwünsche bringen werden
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Ein neues Jahrzehnt ist angebrochen. Für die meisten Angehörigen der Baubranche wird es sich derzeit kaum anders anfühlen als die gerade beendete Dekade: Der Fachkräftemangel ist nach wie vor problematisch; gleichermaßen ist die Bau-Lust ungebrochen.
Dennoch wird in diesem Jahrzehnt auch für Bauhandwerker einiges (etwas) anders werden; schon jetzt zeichnen sich einige überdeutliche Trends ab, von denen wir im Folgenden die vier bedeutsamsten skizziert haben.

Die Wohnfläche wird sich gesundschrumpfen: Wenn in den vergangenen Jahrzehnten eines sichtbar war, dann, dass Wohnflächen wuchsen. Für den Zeitraum 2011 bis 2018 beobachtete das Umweltbundesamt einen Anstieg der durchschnittlichen Wohnfläche pro Kopf von 46,1 auf 46,7 Quadratmeter.

Das mag mit 1,5 Prozent Steigerung nicht sonderlich stark wirken. Bedenkt man aber, dass es 1990 noch 34,8 Quadratmeter waren und 1965 in (West-)Deutschland sogar nur 22,3, wird überdeutlich, wie stark das Größenwachstum tatsächlich war.

Den größten prozentualen Wachstumsanteil hatte der private Einfamilienhausbau – was wahrscheinlich die meisten Bauprofis bestätigen können, deren Karriere schon länger andauert. Im Schnitt hat ein heute errichtetes Einfamilienhaus eine Fläche von immerhin knapp 150 Quadratmetern!

Allerdings warfen die jüngsten Jahre mit ihren Mini-Trends zu „Tiny“-, „Micro“- und „Nano-Häusern“ ein deutliches Schlaglicht auf das ungebremste Wachstum. Wer die Gründe dahinter versteht, versteht auch den sich abzeichnenden Trend:

  1. Spätestens seit Beginn der Niedrigzinsphase zogen die Baupreise stark an. In Kombination mit sich ähnlich verteuernden Grundstückskosten ergibt das eine Situation, in der Bauen in weitersteigender Größe für viele Normalverdiener nicht mehr finanziell beherrschbar ist – und was sich noch mehr schlicht nicht leisten möchten.
  2. Eine immer größere Zahl sieht aus einer Reihe von Gründen (u.a. Konsumkritik, Umweltbewusstsein…) auch in ihrem ureigensten Wohnumfeld das Wachstumsprinzip „vorwärts immer, rückwärts nimmer“ kritisch.
  3. Die Geburtenrate stagniert seit Mitte der 1970er bei einem Wert von um 1,5 Kinder. Gleichsam leben immer mehr Familien über das Bundesgebiet verstreut. Viele, die groß bauten, leben später in einem zu großen Haus, das überflüssige Kosten verursacht.

Was deshalb künftig immer stärker nachgefragt werden wird, sind Häuser mit vergleichsweise klein wirkender Wohnfläche – die sich jedoch eher als „normale Größe“ bezeichnen lässt. 100 Quadratmeter, das sagen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch immer mehr Privatmenschen, reichen selbst einer zweiköpfigen Familie aus. Erst recht, wenn sich diese Fläche durch geschickte Planung viel größer anfühlt.

Einstöckige Bauweisen werden beliebter

Der erste Trend bzw. seine Gründe können als Raison d'être hinter diesem gesehen werden. Tatsächlich steckt jedoch mehr dahinter. Denn was ebenfalls seit Jahren ansteigt, ist das durchschnittliche Alter beim Bau.

Mittlerweile ist der durchschnittliche deutsche Bauherr 35 plus X Jahre alt, wo seine Vorgänger in den 20ern angesiedelt waren. Zudem ziehen heutige Hausbesitzer deshalb nicht nur im „gesetzteren Alter“ ins Eigenheim, sie werden auch einen größeren Anteil in höheren Jahren dort verbringen, weil die Lebenserwartung steigt.

Im Klartext: Wer heute baut, denkt stärker daran, wie sich dieses Gebäude für ihn als Senior anfühlen wird. In den kommenden Jahren wird sich dies noch viel stärker ausprägen.

Hinzu kommen weitere Gründe:

  1. Der Trend geht zu mehr Familiarität. Ein Familienleben, das sich auf mehreren Stockwerken „verläuft“, wird kritischer gesehen, weil die gemeinsame Zeit immer kostbarer wird.
  2. Mehrstöckige Bauweisen sind nicht nur statisch anspruchsvoller, sondern bei ansonsten gleicher Wohnfläche teurer – und benötigen natürlich mehr Zeit für die Errichtung.
  3. Das fertiggestellte Haus wird seltener als „endgültig“ angesehen. So, wie sich Interessen, Lebensmodelle usw. ändern, erwarten immer mehr Bauherrn, dass sich das Haus anpasst. Abermals ziehen hier mehrstöckige Bauweisen den Kürzeren, weil stilistisch passende Anbauten aufwendiger sind.

Die Antwort darauf ist der zeitgenössische Bungalow. Lange Jahre war er eine seltener gewählte Bauweise – im Gegensatz zum klassisch-anderthalbstöckigen Einfamilienhaus. Doch schon jetzt steigt die Nachfrage. Und sie wird es weiterhin tun. Denn nur hier lassen sich die Anforderungen des barrierefreien Wohnens mit den Wünschen der noch jungen Erbauer und ihrer Familien zusammenbringen.

Natur und Bio kehren mit Macht zurück

Wurde Ihnen in jüngster Zeit die Frage gestellt, ob Sie Räume auch mit Kaseinfarbe streichen könnten? Wie viele Kork-Fußböden haben Sie in den vergangenen Jahren verlegt? Wie viele Kubikmeter Hanf-Dämmstoff verarbeitet?

Für die meisten Bauhandwerker dürfte, zumindest gefühlt in den vergangenen Jahren die Benutzung bzw. Anfrage „natürlicher“ Materialien und Bauweisen gestiegen sein. Kein trügerisches Gefühl. Denn obschon das Thema um 2018 etwas aus dem Fokus gerückt war, ist der Wunsch nach einem geringeren ökologischen Fußabdruck eine bleibende statistische Tatsache – und für eine steigende Zahl von Menschen sind staatliche Vorgaben nur die Untergrenze für ihren persönlichen Hausbau. Obendrein:

  • Das Bewusstsein für Belastungen ist ebenso hoch wie der Informationsgrad um Bestandteile und Herkunft von Baumaterialien und das Misstrauen gegenüber Branchenversprechen. Bauherrn ist nicht mehr egal, mit welchen Materialien sie sich umgeben. Sie wollen Natürlichkeit, weil nur diese ihnen garantiert, wirklich schadstoffarm bzw. -frei leben zu können.
  • Die Nachfrage der vergangenen Jahre führte dazu, dass sich ökologische Baustoffe von einer selten gewählten, teuren Variante zu einer preislich konkurrenzfähigen Option wandelten – wo noch eine Differenz besteht, zahlen viele Bauherrn den Aufpreis gern.

Kurzum: Unter denen, die in den kommenden Jahren bauen, werden immer mehr dabei sein, die ihr Haus als möglichst nachhaltig begreifen.
Das wird überdies nicht nur dazu führen, dass die Baumaterialien ökologischer werden, sondern auch die Ansprüche rings ums Bauen:

Möglichst geringe Versiegelung, naturbelassene Landschafts-/Gartengestaltung und auch ein Fokus auf die Firmen – nicht umsonst stand die 2019er Bauma-Messe ganz im Zeichen der alternativen Antriebe. In den 2020ern wird es nicht mehr egal sein, mit welcher (Antriebs-)Form von Pritschenwagen, Bagger und Co. ein Unternehmen auf der Baustelle eintrifft.

Der Donut-Effekt wird sich abschwächen und Sanierungen steigen

Der Trend zum Neubau-Eigenheim ist ungebrochen und er wird es auch noch für die kommenden Jahre sein – egal ob Politiker, Ökonomen und Ökologen dagegen wettern und ein möglichst konzentriertes Wohnen samt Bau in die Höhe, statt Breite, präferieren.

Allerdings zeigten die vergangenen Boom-Jahre deutlich ein Problem, das sich derzeit fast auf dem Gipfelpunkt befindet:

  1. Bauen findet im Einfamilienhaus-Bereich größtenteils in ausgewiesenen Baugebieten rings um bestehende (semi-)ländliche Gemeinden statt. Gleichsam stehen im ursprünglichen Ortskern immer mehr Gebäude leer.
  2. Passiert das, brechen auch die Infrastrukturen weg. Der Kern einer Kommune stirbt aus, nur die Ränder – die Neubaugebiete – bleiben stehen. Stadtplaner nennen das Donut-Effekt.
  3. Dieser Donut-Effekt sorgt dafür, dass Orte mittelfristig zu dem werden, was man als Schlafstadt bezeichnet: Die Menschen wohnen nur dort. Arbeit, Einkauf und Freizeitgestaltung finden andernorts statt.

Bislang taten nur wenige Gemeinden etwas dagegen. Zu attraktiv war es, durch die Ausweisung neuer Baugebiete „frisches Blut“ anzuziehen. Allerdings setzt sich immer stärker die Gewissheit durch, dass damit der regelrechte Tod einer Gemeinde befeuert, statt abgewendet wird.

Das, was beispielsweise die Bundesstiftung Baukultur schon vor anderthalb Jahrzehnten anprangerte und seitdem immer wieder fordert, wird in den 2020ern definitiv stärker in den Fokus rücken: Rückbesinnung auf die Ortskerne.

Was sich dort findet, sind primär Gebäude der 1950er bis -70er. Sie haben in der Breite hohen Sanierungsbedarf, sind aber deshalb preislich attraktiv. Zudem kommt hier das angesprochene kommunalpolitische „Aufwachen“ hinzu. Vorstellbar wäre, dass im kommenden Jahrzehnt gefördert wird, wer sich für eine Sanierung im Ortskern entscheidet – statt am Rand neu zu bauen.

Für die Baubranche wird das auch bedeuten, ihre Fähigkeiten auf Sanierungsebene up-to-Date zu bringen. Denn diese über ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Bauweisen unterscheiden sich an vielen Stellen von dem, was heute Usus ist.