Hintergründe zum dramatischen Strukturwandel in der Bauwirtschaft

News , 21.10.2010 , Roland Riethmüller Bild zu: Hintergründe zum dramatischen Strukturwandel in der Bauwirtschaft
ZDB

Im Rahmen von fünf Jahren florierender Bautätigkeit Anfang der 90er Jahre, vollzog sich seit 1995 ein dramatischer Strukturwandel in der Bauwirtschaft. Die Auswirkungen der schrumpfenden Baunachfrage, halbierten Beschäftigungszahlen und steigender Anzahl kleiner Baubetriebe sind an den großen Baukonzernen nicht spurlos vorbei gegangen. Während in 1990 unter den zehn größten Bauunternehmen noch zehn deutsche vertreten waren, sind 18 Jahre später nur noch zwei in deutscher Hand. Der Rest ist insolvent, an ausländische Unternehmen verkauft oder umstrukturiert.

Doch wie konnte es zu diesem fundamentalen Strukturwandel in der deutschen Bauwirtschaft kommen? Wie konnten die Bauriesen verschwinden? Das Ifo-Institut nennt dazu einige Gründe:

Expansion ins Ausland und Einsatz von Subunternehmern

Viele große Bauunternehmen versuchten, die rückläufigen Aufträge seit 1995 im Inland durch stärkere Expansionen im Ausland zu kompensieren und sich damit von den schwierigen Bedingungen in Deutschland unabhängig zu machen. Während also gleichzeitig die durchschnittliche Jahresbauleistung von 1,7 Mrd. Euro auf 4,78 Mrd. Euro stieg, verdoppelte sich der Anteil der Auslandsbauleistung von 31 auf 66 Prozent.

Im gleichen Maße wie der Inlandsanteil der Bauleistungen um 35 Prozent sank, waren steigende Nachunternehmertätigkeiten zu verzeichnen. Immer größer war der Anteil der Wertschöpfung, die von Subunternehmen erbracht wurden. Dabei stieg der Anteil von gut 20 Prozent zu Beginn der 90er Jahre auf heute rund 30 Prozent an. Bei den großen Baukonzernen wuchs der Anteil im gleichen Zeitraum sogar von 30 auf 50 Prozent. Vor allem der Trend zum schlüsselfertigen Bauen unterstützte den Einsatz von Spezialfirmen, die aufgrund ihrer Spezialisierung in der Regel kostengünstiger anbieten konnten.

Ruinöser Preiskampf

Der Preisdruck war ein der wesentlichsten Auslöser für den Strukturwandel. Denn obwohl die Nachfrage Anfang der 90er Jahre für einige Zeit spürbar anzog, konnten die Bauunternehmen ihre Gewinnmargen nicht erhöhen. Darüber hinaus wagten sich viele Betriebe an Aufträge, deren Risiko sie schlichtweg unterschätzten. Um Verluste zu kompensieren begannen einige Baukonzerne eine gefährliche Strategie: Ein Preiskampf sollte Wettbewerber in ihrer Ertragskraft schwächen und anschließend in die Insolvenz treiben, um wieder eine ausgewogene Konstellation aus Angebot und Nachfrage am Markt zu haben.

Doch die künstlich erzeugten Preisrückgänge bei gleichzeitig einem statistischen Anstieg der durchschnittlichen Preise zwischen 1992 und 2009 um 1,5 Prozent für Wohngebäude und 1,75 Prozent für gewerbliche Betriebsgebäude führten letztlich bei fast allen Bauunternehmen zu negativen Betriebsergebnissen. Denn zu viele Bauunternehmen haben sich gleichzeitig auf den Preiskampf eingelassen und die Preise zwischen 1996 bis 2005 fast stabil gehalten. In der Folge machte der immense Preiswettbewerb fast allen Baukonzernen extrem zu schaffen und die erhoffte Marktbereinigung erfolgte nur sehr abgeschwächt.

Übernahme baunaher Dienstleistungen

Ein weiterer Schritt hinsichtlich des Strukturwandels war der Ausweg, den viele Bauunternehmen mit dem Eintritt in neue Geschäftsfelder vor- und nachgelagerter Stufen der Wertschöpfungskette sahen. Durch Übernahme der im Bauprozess vorgelagerten Aktivitäten wie Planung und Finanzierung sowie nachgelagerter wie dem Facility Management, schufen sie den Trend zur Erhöhung des Anteils baunaher Dienstleistungen. Im Zuge der Konsolidierung wurden dann Betriebsteile abgespalten oder veräußert.

Rentabilität, Wettbewerbsfähigkeit und Nachfrageschwäche

Nicht nur in Folge des Preiswettbewerbs litten auch viele Bauunternehmen seit Mitte der 90er Jahre dieselben Qualen: Die durchschnittlichen Umsatzrenditen waren für Investoren so unattraktiv geworden, dass kaum Fremdkapital in die Unternehmen kam. Auch wurden aufgrund der verhaltenen Ertragssituation nur wenige Investitionen getätigt und damit Produktivitätschancen nicht genutzt. Dies führte wiederum zu einer sinkenden Wettbewerbsfähigkeit.

Fatal war schließlich auch der große Irrtum, dass die Nachfrageschwäche nach dem Boomjahren der Wiedervereinigung nicht lange anhalten wird. So führten diverse interne und externe Gründe dazu, dass zahlreiche große Baukonzerne mit jahrhundertealter Tradition innerhalb weniger Jahre auf der Strecke blieben.

Lesen Sie mehr über die Schicksale deutscher Baukonzerne im Strukturwandel:
http://www.meistertipp.de/schicksale-deutscher-baukonzerne-im-strukturwandel-der-bauwirtschaft