In der Bauwirtschaft verschärfen steigende Nachhaltigkeitsanforderungen, knappe Primärrohstoffe und hohe Anforderungen an die Frühfestigkeit den Innovationsdruck im Betonfertigteilbau deutlich. Gleichzeitig erwarten Auftraggeber wirtschaftliche, technisch ausgereifte und zertifizierungsfähige Lösungen. Wie sich CO2-reduzierte, ressourcenschonende Betonrezepturen unter realen Produktionsbedingungen umsetzen lassen, zeigt die Entwicklungsarbeit eines westfälischen Bauunternehmens. Im Fokus stehen klinkerarme Bindemittel, Recyclingmaterialien und moderne Betonzusatzstoffe, die Effizienz, Prozesssicherheit und Leistungsfähigkeit im industriellen Fertigteilbau nachhaltig sichern.
Ressourcenschonende Betonrezepturen, reduzierte CO2-Emissionen und gleichzeitig hohe Frühfestigkeiten gehören zu den zentralen Herausforderungen im industriellen Fertigteilbau. Wie diese Zielkonflikte technisch gelöst werden können, zeigt aktuell die Entwicklungsarbeit des Bauunternehmens J. Lehde. Das westfälische Familienunternehmen investiert seit Jahren konsequent in Forschung und Entwicklung, um Beton als leistungsfähigen und zugleich zukunftsfähigen Baustoff weiterzuentwickeln. So stehen im Zentrum der Arbeiten Betonrezepturen, die mit deutlich geringerem Anteil klinkerhaltiger Bindemittel auskommen. Ziel ist es, Primärrohstoffe einzusparen und die CO2-Bilanz zu verbessern, ohne Abstriche bei Qualität, Dauerhaftigkeit oder Prozesssicherheit hinnehmen zu müssen. Gerade im Fertigteilbau sind diese Parameter entscheidend, da die Bauteile bereits kurz nach dem Betonieren ausgeschalt und transportiert werden müssen.
Frühfestigkeit im Betonfertigteilbau als kritischer Faktor
Vier Betontechnologen beschäftigen sich bei Lehde kontinuierlich mit der Optimierung von Rezepturen, dem Einsatz alternativer Zemente sowie der gezielten Nutzung moderner Betonzusatzstoffe und -mittel. Der Fokus liegt dabei klar auf der Frühfestigkeit, die für einen reibungslosen Produktionsablauf unerlässlich ist. „Als Stahlbetonfertigteilhersteller stehen wir vor der besonderen Herausforderung, dass unsere Bauteile bereits wenige Stunden nach dem Betonieren aus den Schalungen genommen und transportfähig sein müssen“, erklärt Bauingenieur Timo Gließner. „Mindestens 15 Newton je Quadratmillimeter sind erforderlich, damit Transportankersysteme sicher greifen und die Fertigteile bewegt werden können.“
Nachhaltigkeit nachweisbar machen
Neben der technischen Leistungsfähigkeit gewinnen Nachhaltigkeitskriterien zunehmend an Bedeutung. Viele Bauherren verlangen heute belastbare Nachweise über die ökologische Qualität der eingesetzten Baustoffe. Lehde richtet seine Entwicklungsarbeit daher konsequent an den Anforderungen der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) aus. Für unterschiedliche Betonsorten werden Ökobilanzen erstellt, neue Zemente getestet und bestehende Mischungen kontinuierlich weiterentwickelt.
Recyclingmaterial und nachhaltige Betonrezepturen im Regelbetrieb
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Einsatz von Recyclingmaterialien. Seit dem Jahr 2025 verwendet Lehde im Fertigteilbau regelmäßig bis zu 25 Prozent rezyklierte Gesteinskörnungen. Das ist aktuell der zulässige Höchstanteil in Deutschland. „Damit sparen wir einen erheblichen Anteil an Primärrohstoffen ein, ohne die Eigenschaften des Betons negativ zu beeinflussen“, so Gließner. In anderen europäischen Ländern seien höhere RC-Anteile bereits Standard oder sogar vorgeschrieben.
Zusatzstoffe als Effizienztreiber
Moderne Betontechnologie geht dabei weit über den klassischen Drei-Komponenten-Baustoff hinaus. Durch den gezielten Einsatz von Zusatzmitteln lassen sich sowohl technische als auch ökologische Vorteile erzielen. „Ein sehr kleiner Anteil eines speziellen Zusatzmittels kann die Eigenschaften des Betons erheblich verbessern und häufig sogar Zement einsparen“, betont Gließner. Diese Entwicklungsphilosophie zeigt Beton als langlebigen, rückbaubaren und wiederverwendbaren Baustoff mit Perspektive. Stahlbetonfertigteile eignen sich aufgrund verschraubter oder verankerter Konstruktionen besonders für spätere Demontage und Wiederverwendung. Einen Einblick in diese Forschungsarbeiten geben die Lehde-Spezialisten Anfang 2026 auch im Rahmen eines Fachvortrags bei den Ulmer Betontage, einem der etablierten Branchentreffen der Betonindustrie.

















