Sondervermögen Infrastruktur: Bauwirtschaft schlägt Alarm

Das Sondervermögen Infrastruktur sollte der Bauwirtschaft volle Auftragsbücher bringen, doch aktuelle Berechnungen sorgen für Missmut. Milliardenkredite wurden aufgenommen, ohne dass zusätzliche Bauinvestitionen spürbar stiegen. Für Bauunternehmen und Handwerksbetriebe wächst damit die Unsicherheit über Projekte, Planungssicherheit und Zukunftschancen. Verbände warnen vor einer verpassten Investitionsoffensive und fordern dringend verlässliche Infrastrukturfinanzierung, damit Modernisierung und Investitionsstau endlich auf den Baustellen ankommen.

Der Streit um die Verwendung des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität verschärft sich. Neue Auswertungen von Wirtschaftsforschern und Bauverbänden zeigen, dass ein Großteil der aufgenommenen Schulden offenbar nicht in zusätzliche Bauinvestitionen geflossen ist. Für Bauunternehmen und Handwerksbetriebe, die auf einen Investitionsschub gehofft hatten, wächst damit die Unsicherheit über künftige Auftragschancen und die langfristige Entwicklung der öffentlichen Infrastruktur. So hat der Bund im Jahr 2025 nach Berechnungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München (ifo Institut) rund 24,3 Milliarden Euro an zusätzlichen Krediten über das Sondervermögen aufgenommen. Gleichzeitig stiegen die tatsächlichen Investitionen in Infrastruktur nur geringfügig. Ein erheblicher Teil der Mittel wurde demnach durch Umschichtungen im Bundeshaushalt genutzt. Branchenvertreter sehen darin eine verpasste Chance, dringend benötigte Modernisierungen voranzubringen und den Investitionsstau abzubauen. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) verweist darauf, dass viele Betriebe die Auswirkungen bereits auf den Baustellen spüren. 

Bauwirtschaft kritisiert fehlende Investitionswirkung vom Sondervermögen Infrastruktur

So kommen deutliche Worte aus dem Baugewerbe selbst. „Die heutige Veröffentlichung des ifo Instituts bestätigt, was unsere Betriebe auf den Baustellen bereits spüren: Vom Sondervermögen ist bisher wenig angekommen“, kritisiert ZDB-Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa. „95 Prozent der 2025 aufgenommenen Schulden über das SVIK flossen nicht in zusätzliche Infrastrukturinvestitionen. Das ist ein enttäuschendes Ergebnis.“ Zugleich warnt der ZDB davor, dass das Sondervermögen seinen eigentlichen Zweck verfehle. „Schon lange haben wir unmissverständlich gefordert: Das Sondervermögen muss als wirklich zusätzliche Investitionsquelle wirken und darf nicht dazu dienen, Löcher im Kernhaushalt zu stopfen. Das ist keine Infrastrukturpolitik, das ist Haushaltskosmetik.“ Gerade vor dem Hintergrund eines kommunalen Investitionsstaus von mehr als 200 Milliarden Euro sehen viele Branchenexperten dringenden Handlungsbedarf. Straßen, Brücken, Schienen und öffentliche Gebäude gelten als Schlüssel für Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität der Bauwirtschaft.

Wirtschaftsforscher sehen strukturelle Probleme

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kommt zu kritischen Ergebnissen. Demnach wurden große Teile der eingeplanten Mittel nicht abgerufen oder für andere Zwecke genutzt. Insgesamt flossen im Jahr 2025 nur rund 42 Prozent der vorgesehenen Gelder tatsächlich ab. Zudem sei die Investitionsquote des Bundes niedriger ausgefallen als geplant, ohne dass daraus Konsequenzen entstanden. Das bestätigt die unsichere Perspektive für Bauunternehmen: Während der Bedarf an Modernisierung unbestritten hoch bleibt, fehlen verbindliche Finanzierungsstrukturen und Planungssicherheit. Gerade mittelständische Betriebe sind jedoch auf langfristig stabile Auftragseingänge angewiesen.

Bauindustrie fordert verlässliche Finanzierung

Auch die Bauindustrie kritisiert die Entwicklung deutlich. Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB), stellt fest: „Heute bestätigt die Wissenschaft, was die Bauindustrie seit knapp einem Jahr wiederholt: Die Mittel des Sondervermögens fließen zwar de facto in die Infrastruktur – wenn aber im gleichen Maße reguläre Haushaltsmittel abgezogen werden, muss man benennen, was wir hier sehen: einen Verschiebebahnhof.“ Aus Sicht der Baubranche droht damit ein doppeltes Risiko: Einerseits bleibt die dringend notwendige Instandsetzung der Infrastruktur aus, andererseits könnte das Vertrauen in staatliche Investitionsprogramme schwinden. Gefordert werden daher neue Instrumente wie langfristige Fonds oder Finanzierungsmodelle unter Einbeziehung privaten Kapitals. Für Bauunternehmer und Handwerksbetriebe wird entscheidend sein, ob es der Politik gelingt, die angekündigten Investitionsimpulse tatsächlich auf die Baustellen zu bringen.

Kommt das Sondervermögen endlich auf den Baustellen an?

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Die XXL-Schuldensauerei
Bis zu 95 Prozent des „Sondervermögens“ wurden bislang für andere Zwecke ausgegeben
Von Marcel Sacha

Es ist das größte Schulden-Paket in der Geschichte der Bundesrepublik: Vor einem Jahr hat der Bundestag ein sogenanntes „Sondervermögen“ (also Schulden) in Höhe von 500 Milliarden Euro verabschiedet. Das Geld soll in die Infrastruktur und Klimaneutralität fließen. So hatten es Union, SPD und Grüne beschlossen. Jetzt die bittere Zwischenbilanz: Ein Großteil der neu aufgenommenen Schulden wurde bislang für andere Zwecke genutzt.
Zu diesem Fazit kommen sowohl das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) als auch das Münchner ifo-Institut. Laut IW wurden 86 Prozent der Mittel zweckentfremdet, laut ifo-Institut sogar 95 Prozent!

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