Gemeinwohl-Ökonomie als alternatives Wirtschaftsmodell

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Foto: Roland Riethmüller

Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl. Das sagt zumindest die bayerische Verfassung. Die Unternehmer selbst sehen das in der Regel anders, auch in Handwerksbetrieben. Verpflichtungen und Gewinn kommen vor Mitarbeitern, Zulieferern und Umwelt. Dass es auch anders geht, zeigt die Tischlermeisterin Orsine Mieland. In ihrer Berliner abitare Tischlerei GmbH integriert sie demokratische, soziale und ökologische Grundwerte in ihr unternehmerisches Handeln.

„Eine gute Zukunft für alle kann nur auf Respekt aufgebaut sein“, sagt Mieland, die seit mehr als 35 Jahren hochwertige Möbel und Innenausbauten herstellt. „Dieses Credo integrieren wir in unser tägliches Handeln.“ Neben Qualität und Wirtschaftlichkeit trügen auch Aspekte des Gemeinwohls zum Wettbewerb bei. Der billigste Preis kann nur durch Ausbeutung entstehen, Ausbeutung aber ist das Gegenteil von Respekt, heißt es auf der Firmen-Website.

Atlas bewertet Gemeinwohlbeitrag von Unternehmen

Laut dem sogenannten GemeinwohlAtlas der Universität St.Gallen trägt eine Organisation dann zum Gemeinwohl bei, wenn ihre Produkte einen wahrnehmbaren Nutzen stiften, ihr Handeln den Zusammenhalt in einem Gemeinwesen fördert, das Unternehmen zur Lebensqualität beiträgt und moralisch wertvoll, also anständig, handelt. Der Atlas stellt auf Basis einer Umfrage unter 7800 Bürgern den Gemeinwohlbeitrag von 127 deutschen und internationalen Organisationen dar.

Orsine Wieland orientiert sich in ihrer Tischlerei an diesen Grundsätzen und lebt das alternative Wirtschaftsmodell bereits jetzt. Entscheidend ist dabei die Umwelt- und Sozialverträglichkeit, langlebige Produkte sowie Fairness und Respekt gegenüber den Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten. Sie legt Wert auf faire Arbeitsbedingungen, fertigt mit Rücksicht auf natürliche Ressourcen und achtet auf kurze Transportwege, gute Materialausnutzung und eine umweltschonende Verarbeitung.

Ehrenamtliches Engagement ist wichtig

Zudem engagiert sie sich ehrenamtlich für die Förderung von Frauen im Handwerk und in der Wirtschaft, derzeit als Vorsitzende der WeiberWirtschaft. Die Frauengenossenschaft betreibt Europas größtes Gründerinnen- und Unternehmerinnenzentrum.

„Wir sind uns bewusst, dass man als Handwerksbetrieb und Wirtschaftsunternehmen nicht in allen Bereichen zu 100 % gemeinwohlorientiert handeln kann“, schränkt Wieland ein. Dennoch hält sie die „kontinuierliche Auseinandersetzung mit diesen Themen“ für den richtigen Weg.

Gewinn als Mittel zum Gemeinwohl

Einen entsprechenden Rahmen findet der Betrieb in dem deutsch-österreichischen Verein „Gemeinwohl-Ökonomie“ (GWÖ). Die zivilgesellschaftliche Bewegung sieht den unternehmerischen Gewinn primär als Mittel zum eigentlichen Zweck, nämlich dem Gemeinwohl. Entsprechend wollen die Aktivisten ein Wirtschaftssystem etablieren, in dem das Gemeinwohl an oberster Stelle steht.

Derzeit rund 2000 Unternehmen unterstützen die GWÖ. Mitgliedschaften bietet der Verein bislang in 17 europäischen Ländern an. Als eines von rund 200 Unternehmen hat Wielands Tischlerei die eigene Gemeinwohlorientierung nach dem Punktesystem der GWÖ bewertet. Die sogenannte Gemeinwohl-Bilanz zeigt, wie die Werte „Menschenwürde“, „Solidarität“, „Ökologische Nachhaltigkeit“, „Soziale Gerechtigkeit“ und „Demokratische Mitbestimmung & Transparenz“ in der unternehmerischen Praxis berücksichtigt werden.

Ethik, Demokratie und Ökologie

Bewertet werden 17 Bilanzindikatoren, darunter ethisches Beschaffungs- sowie Finanzmanagement, Arbeitsplatzqualität und Gleichstellung, gerechte Verteilung der Erwerbsarbeit und des Einkommens, Förderung eines ökologischen Verhaltens der Mitarbeiterinnen und innerbetriebliche Demokratie.

Geprüft wird außerdem, ob die Produkte ökologisch und sozial gestaltet sind. Daneben ist die gesellschaftliche Wirkung der Produkte, deren ökologische Auswirkungen und die gemeinwohlorientierte Verteilung des Gewinns entscheidend.

Negativ bewertet werden dagegen menschenunwürdige Produkte, die Kooperation mit Unternehmen, die Menschenwürde verletzen, Sperrpatente und Dumpingpreise. Auch illegitime Umweltbelastungen, eine geplante kurze Lebensdauer der Produkte, arbeitsrechtliches Fehlverhalten und Arbeitsplatzabbau bei Gewinn wirken sich negativ aus, ebenso wie die Umgehung der Steuerpflicht. Wird ein Betriebsrat verhindert, ist das ebenfalls Zeichen für eine geringe Gemeinwohlorientierung.

Steuerliche Vorteile bei guter Gemeinwohl-Bilanz

Die GWÖ strebt perspektivisch auch eine politische Verankerung an: Demnach sollen Unternehmen, die eine gute Gemeinwohl-Bilanz vorweisen, steuerliche Vorteile genießen und bevorzugt öffentliche Aufträge bekommen. Auch im Sinne der Nachwuchsgewinnung lässt sich damit durchaus punkten. Denn gerade in Zeiten, in denen vielerorts Fachkräfte dringend gesucht werden, stechen Unternehmen mit einer innovativen und alternativen Unternehmensführung aus dem Gro der Masse hervor.

Weitere Informationen:
GemeinwohlAtlas
Dringender Fachkräftebedarf

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