Freie Heizungswahl statt strenger Vorgaben: Mit dem neuen Gebäudemodernisierungsgesetz plant die Bundesregierung eine Neuausrichtung der Wärmewende im Gebäudesektor. Doch die Umsetzung führt zu kontroversen Diskussionen in der Bauwirtschaft. Handwerk, Energieberater und Verbände warnen vor neuen Unsicherheiten bei Förderungen, Investitionen und Wärmeplanung. Besonders die Zukunft von Gasheizungen, Wärmepumpen, Hybridlösungen, der „Bio-Treppe“ und des CO2-Preises könnte erhebliche Folgen für Bauunternehmen und Handwerksbetriebe haben.
Das neue Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) sorgt in der Bauwirtschaft für intensive Diskussionen. Während die Bundesregierung von mehr Technologieoffenheit, Planungssicherheit und weniger Bürokratie spricht, warnen Verbände, Energieberater und Teile des Handwerks vor neuen Unsicherheiten bei Investitionen, Förderbedingungen und der langfristigen Wärmeplanung. Besonders die Abschaffung der bisherigen 65-Prozent-Regel, die Einführung der sogenannten „Bio-Treppe“ sowie die künftige Rolle von Gas-, Holz- und Hybridheizungen stehen im Mittelpunkt der Debatte. Denn mit dem vom Bundeskabinett beschlossenen Gesetz beabsichtigt die Bundesregierung, das bisherige Heizungsgesetz grundlegend neu auszurichten. Künftig sollen Eigentümer wieder frei zwischen unterschiedlichen Heiztechnologien wählen können – von Wärmepumpen über Hybridlösungen bis zu Gas-, Öl- und Pelletheizungen. Gleichzeitig sollen fossile Brennstoffe schrittweise durch klimafreundlichere Gase ersetzt werden. „Wir ersetzen ein Gesetz, das viele Menschen verunsichert hat, durch eines, das auf Vertrauen, Technologieoffenheit und Machbarkeit setzt“, erklärt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche.
Gebäudemodernisierungsgesetz: Handwerk fordert klare Regeln statt neuer Bürokratie
Vor allem das Handwerk sieht den Kurswechsel zwar grundsätzlich positiv, mahnt jedoch verlässliche und praxisnahe Rahmenbedingungen an. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) betont, dass stabile Förderprogramme und klare energiepolitische Leitplanken entscheidend seien, damit Betriebe Investitionen, Kapazitäten und Beratung langfristig planen können. „Viele Menschen investieren derzeit nicht, weil sie grundsätzlich gegen Modernisierung wären“, bestäigt auch Michael Hilpert, Präsident vom Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK). „Sie investieren nicht, weil sie befürchten, dass die politischen Rahmenbedingungen in zwei oder drei Jahren schon wieder anders aussehen.“ Noch deutlicher wird Handwerk BW. „Aber wenn auf alte Bürokratie neue Bürokratie folgt, gewinnen wir weder Vertrauen noch Tempo bei der Gebäudemodernisierung“, warnt Präsident Rainer Reichhold. Gleichzeitig kritisiert die Kammer neue Unsicherheiten bei Förderbedingungen, Kostenverteilung und technischen Anforderungen.
Streit um Gasheizungen, Bio-Treppe und CO2-Preis
Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft sieht im Gesetz dagegen große Chancen für den Gebäudebestand. Besonders Hybridheizungen und der Einsatz von Biomethan könnten den Heizungstausch erleichtern. „Wer eine effektive Wärmewende will, bietet breitenwirksame Lösungen für den Bestand“, erklärt Timm Kehler vom Verband Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft. Nach Angaben des Verbandes versorgen aktuell rund 13,9 Millionen Gasheizungen etwa 56 Prozent aller Wohnungen in Deutschland. Der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) begrüßt wiederum, dass künftig auch Solarthermie stärker berücksichtigt wird. Gleichzeitig kritisiert die Branche jedoch die geplante Stabilisierung des CO2-Preises. „Durch das Ausbremsen der CO2-Bepreisung wird ein zentrales Klimaschutzinstrument geschwächt“, bemängelt BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig.
Die Wohnungswirtschaft bewertet den stabilen CO2-Preis dagegen positiv. GdW-Präsident Axel Gedaschko spricht von einem „wichtigen Signal für Planungssicherheit und wirtschaftliche Verlässlichkeit“. Ein sprunghafter Anstieg hätte nach Einschätzung des Verbandes erhebliche Zusatzkosten für Wohnungsunternehmen und Mieter verursacht.
Energieberater und Industrie warnen vor Fehlentwicklungen bei der Wärmewende
Kritik kommt auch von Energieberatern und Ingenieuren. Der Gebäudeenergieberater Ingenieure Handwerker Bundesverband (GIH) fordert, die Pflichtberatung vor dem Einbau fossiler Heizungen beizubehalten. „Wer heute ohne unabhängige Beratung investiert, läuft Gefahr, sich mit einer neuen fossilen Heizung langfristig hohe Kosten und Abhängigkeiten ins Haus zu holen“, mahnt GIH-Geschäftsführer Benjamin Weismann. Laut einer aktuellen Umfrage verschieben viele Eigentümer Modernisierungsentscheidungen aus Unsicherheit. Auch der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) sieht Nachbesserungsbedarf. „Wer heute investiert, muss wissen, ob die Infrastruktur morgen noch existiert“, betont VDI-Direktor Adrian Willig. Besonders beim Zusammenspiel von Wärmeplanung, Gasnetzen und Gebäudeautomation fordert der Verband mehr Klarheit. Denn damit dürften die kommenden Beratungen im Bundestag entscheidend werden. Schließlich bleibt das Gebäudemodernisierungsgesetz für viele Unternehmen der Bauwirtschaft trotz Kabinettsbeschluss hauptsächlich eines: ein Gesetz mit erheblichem Nachbesserungsbedarf.

















