Die Gipsversorgung in Deutschland gerät zunehmend unter Druck. Ein neues Gutachten warnt vor drohenden Engpässen bei einem der wichtigsten Baustoffe der Bauwirtschaft. Ursache ist vor allem der Kohleausstieg und der damit verbundene Wegfall von REA-Gips. Experten sehen Risiken für Wohnungsbau, Trockenbau und Infrastrukturprojekte. Zugleich wächst der Druck auf Politik und Behörden, die Versorgung mit heimischem Naturgips langfristig zu sichern.
Ein neues Gutachten zur Gipsversorgung in Niedersachsen schlägt Alarm. Durch den Kohleausstieg drohen mittelfristig erhebliche Engpässe bei einem der wichtigsten Rohstoffe der Bauwirtschaft. Besonders betroffen wären die Herstellung von Baustoffen, der Trockenbau sowie zahlreiche industrielle Anwendungen. Die Gipsindustrie fordert deshalb schnelle politische Entscheidungen, um heimische Rohstoffvorkommen langfristig zu sichern und die Versorgung von Bauunternehmen und Handwerksbetrieben zu gewährleisten. Denn die Untersuchung „Gesamtlage des Rohstoffs Gips in Niedersachsen“, die im Auftrag des niedersächsischen Wirtschafts- und Umweltministeriums erstellt wurde, kommt zu einem klaren Ergebnis: Ohne zusätzliche und tatsächlich verfügbare Flächen für die Rohstoffgewinnung könnte Deutschland künftig nicht mehr ausreichend mit Gips versorgt werden. Hintergrund ist vor allem der schrittweise Wegfall von REA-Gips, der bislang als Nebenprodukt in Kohlekraftwerken entstand. Noch vor wenigen Jahren deckte dieser Rohstoff mehr als die Hälfte der deutschen Gipsproduktion ab. Mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung verschwindet diese Quelle jedoch vollständig. Gleichzeitig zeigen die Untersuchungen, dass weder Recycling noch alternative Baustoffe die entstehende Lücke vollständig schließen können. Zwar gewinnt die Kreislaufwirtschaft zunehmend an Bedeutung, die verfügbaren Mengen reichen nach Einschätzung der Experten jedoch nicht aus, um den künftigen Bedarf der Bauwirtschaft allein zu decken.
Niedersachsen als Schlüsselregion der Gipsversorgung
Für die deutsche Gipsversorgung kommt Niedersachsen eine besondere Bedeutung zu. Zwischen 25 und 30 Prozent der heimischen Naturgipsproduktion stammen aus dem Bundesland. Allerdings sinkt die Fähigkeit, den Bedarf aus heimischen Quellen zu decken, bereits seit Jahren. Während zwischen den Jahren 2010 und 2016 noch rund 80 Prozent des Bedarfs durch Naturgips und Anhydrit aus Deutschland gedeckt werden konnten, lag dieser Wert im Jahr 2022 nur noch bei etwa 66 Prozent. Der Bundesverband der Gipsindustrie sieht darin ein deutliches Warnsignal. „Das Gutachten bestätigt die zentrale Bedeutung heimischer Naturgipsvorkommen für die Versorgung der Bauwirtschaft und zahlreicher industrieller Anwendungen. Deutschland wird auch künftig auf Naturgips angewiesen sein“, erklärt Holger Ortleb, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Gipsindustrie und der Forschungsvereinigung der Gipsindustrie. Gleichzeitig fordert er, die Erkenntnisse des Gutachtens konsequent in Planungs- und Genehmigungsverfahren umzusetzen.
Sorge vor neuen Abhängigkeiten
Unterstützung erhält die Branche auch aus der Politik. Der baupolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Niedersachsen, Christian Frölich, verweist auf die Bedeutung einer verlässlichen Rohstoffstrategie. Sein Appell: „Wer mehr Wohnungsbau will, muss auch sagen, woher die Baustoffe kommen.“ Denn nach Ansicht der Gipsindustrie würde eine stärkere Verlagerung der Rohstoffgewinnung ins Ausland neue Risiken schaffen. Neben zusätzlichen Abhängigkeiten wären längere Transportwege und höhere CO2-Emissionen die Folge. „Wer Wohnungsbau, Infrastrukturmodernisierung und industrielle Wertschöpfung in Deutschland sichern will, kann auf heimische Rohstoffe nicht verzichten“, betont Ortleb.
Naturgips und Recycling bleiben wichtige Bausteine
Trotz der Forderung nach neuen Rohstoffsicherungsflächen bekennt sich die Branche ausdrücklich zu den Zielen des Klima-, Natur- und Ressourcenschutzes. Der Ausbau des Gipsrecyclings, ressourcenschonende Bauweisen und innovative Verfahren zur Materialeffizienz sollen weiter vorangetrieben werden. Nach Ansicht des Verbandes liegt die Lösung jedoch nicht in einem Entweder-oder, sondern in einem ausgewogenen Mix verschiedener Maßnahmen. „Recycling und heimischer Naturgips dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Nur durch das Zusammenspiel aus Recycling, Ressourceneffizienz und gesicherter heimischer Rohstoffgewinnung kann die Versorgung langfristig gewährleistet werden“, stellt Ortleb klar.


















Die Auseinandersetzung mit dem Thema halte ich für wichtig und notwendig, weil Gipsprodukte gegenwärtig noch einen Großteil unseres Baustoffbedarfs darstellen. Jedoch empfinde ich den Artikel als Nebelkerze und Instrumentalisierung von Ängsten, was in meinen Augen wenig hilfreich für eine konstruktive Auseinandersetzung und Lösungsstrategie ist.
– Die Substituierung von Gips als Baustoff – hier wird an Alternativen geforscht. Darauf zu schauen, fehlt mir in diesem Artikel.
– die aufklärende Berichterstattung, warum Kohleverstromung so zentral für die (REA)-Gipserzeugung ist – wie sind die Zusammenhänge, gibt es in dem Prozess Alternativen
– das Abwägen von Pro und Contra-Argumenten einschließlich einer sachlichen Gegenüberstellung bislang vorliegender wissenschaftlicher Erkenntnisse und ökonomischer wie ökologischer Bilanzen
Insgesamt würde ich mich freuen, wenn wir – gilt auch allgemein – in dieser wie in gesellschaftlichen Debatten zurückkehren zu einer mehr fach- und sachbezogenen Auseinandersetzung, in der auch systemkritische Aspekte undiffamiert zur Kenntnis und als Anlass für durchaus wertebezogene Diskurse genommen werden.